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Glosse Feuilleton : Tom und Tom

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Am Beginn des neuen Jahres ist es Zeit, ein paar liebgewordene Denkgewohnheiten aufzugeben. Zum Beispiel die Dialektik: das Denken in Gegensätzen, die einander bedingen und beflügeln und gemeinsam etwas Nützliches hervorbringen.

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          Am Beginn des neuen Jahres ist es Zeit, ein paar liebgewordene Denkgewohnheiten aufzugeben. Zum Beispiel die Dialektik: das Denken in Gegensätzen, die einander bedingen und beflügeln und gemeinsam etwas Nützliches hervorbringen. Ist Franz Müntefering etwa die Antithese von Angela Merkel? Braucht Oliver Kahn Jens Lehmann, um den Ball zu halten? Wird uns Yvonne Catterfeld anstelle von Sabine Christiansen mit der platonischen Idee des Blonden versöhnen? Zur Zeit sieht es eher so aus, als läge all das, was sich eigentlich gegenseitig ausschließt, friedlich nebeneinander im Körbchen und warte auf den WM-Titelgewinn und die Reform des Gesundheitswesens. Beides erscheint utopisch; aber ist nicht alles möglich, wenn man erst einmal die alten Begriffshüte abwirft? "Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer", befand schon vor einem Vierteljahrhundert der deutsche Neuromantiker Botho Strauß, "aber es muß sein: ohne sie!" Es muß sein. Geben wir uns also einen Ruck, und versuchen wir, das Phänomen Tom Cruise undialektisch zu fassen. Cruise, der mit vollem Namen Thomas Cruise Mapother IV heißt und zur Zeit für jeden seiner Arbeitseinsätze in Hollywood etwa 25 Millionen Dollar kassiert, ist nämlich von den Lesern einer englischen Kinozeitschrift mit klarer Mehrheit sowohl zum größten als auch zum ärgerlichsten ("most irritating") Filmstar aller Zeiten gewählt worden. Ein faszinierendes Ergebnis; aber was bedeutet es? Zum einen wohl, daß Tom Cruise, wie wir Scholastiker sagen würden, den Zusammenfall des Unvereinbaren verkörpert und also so etwas wie das Ding an sich des Medienzeitalters: Er geht uns auf die Nerven, aber wir können ihm nicht entkommen; er ist ein Ekel, aber er ist überall. Zum anderen jedoch lernen wir aus dem Resultat der britischen Umfrage etwas Wichtiges über unsere Wahrnehmung all dessen, was da über die Bildschirme und Leinwände kreucht und fleucht und flimmert. Denn was an dieser allabendlichen Wirklichkeit aus Bildern, Zahlen und Schlagwörtern wirklich ist, können wir längst nur noch in Gegensatzpaaren ausdrücken. Heidi Klum ist das bestverdienende, aber auch schlimmstangezogene Fotomodell aller Zeiten, wie die Auslosungsshow zur Fußballweltmeisterschaft bewiesen hat; mit Jürgen Klinsmann kann unsere Nationalelf nur gewinnen, oder sie wird unvermeidlich verlieren; unser Land braucht unbedingt mehr Kinder, aber man bleibe uns bitte mit den Gören vom Leib; man soll alle Steuerschlupflöcher schließen, nur meinen alten Luxemburger Immobilienfonds nicht. In früheren, vordigitalen Zeiten hätte man diese Unvereinbarkeiten noch dialektisch aufgelöst, heute lassen wir sie lieber auf sich beruhen: Schließlich könnte das Ergebnis, die Synthese, nicht ganz von der erwünschten Art sein. Bevor am Ende tatsächlich etwas geschieht, ärgern wir uns lieber über Tom Cruise in "Mission: Impossible 3". 2006 wird das Jahr, in dem wir unseren Kuchen zugleich haben und aufessen werden - bis die Kellnerin mit dem Kassenzettel kommt. kil

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