https://www.faz.net/-gqz-u5n3
 

Glosse Feuilleton : Sparleuchte

  • Aktualisiert am

"Man spricht heute oft mehr über die Möbel von Breuer als über die interdisziplinäre Lehre." Als Omar Akbar, der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, dies im Dezember 2006 anlässlich des achtzigjährigen Jubiläums des Bauhauses erklärte, ...

          2 Min.

          "Man spricht heute oft mehr über die Möbel von Breuer als über die interdisziplinäre Lehre." Als Omar Akbar, der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, dies im Dezember 2006 anlässlich des achtzigjährigen Jubiläums des Bauhauses erklärte, konnte er nicht ahnen, dass er damit vorwegnahm, was ihm zwölf Wochen später im "Blaubuch 2006" als harsche Kritik um die Ohren geschlagen wurde: "Unzureichend und provinziell" wird in diesem offiziellen "Leitfaden zur Kultur im Osten" die Arbeit des heutigen Bauhauses genannt, "internationale Erwartung und lokale Wirklichkeit" stünden in krassem Widerspruch zueinander. Hinter der donnernden schriftlichen Maulschelle des Buchs respektive seines Verfassers Paul Raabe stehen die Schubkraft von siebzehn Millionen Euro, die staatlicherseits zur peniblen Restaurierung des 1926 errichteteten und 1996 zum Weltkulturerbe erklärten Gebäudes aufgewandt wurden, und der erklärte Wille des Bundes, dass all jene Institutionen, die er zu "kulturellen, hoher Fördersummen würdigen ,Leuchttürmen'" im Osten erklärt hat, nun gefälligst auch zu leuchten hätten. Das, so meint Omar Akbar, der Raabes Schelte für "widersprüchlich und absolut falsch" hält, tue das Bauhaus durchaus. Zum einen hat man nicht nur das Lehrgebäude, sondern auch viele Meisterhäuser und weitere Bauhausbauten in Dessau vorbildlich restauriert und sich damit zum "Kompetenzzentrum" der Wiederherstellung klassischer Moderne entwickelt. Vor allem aber erforscht und lehrt man am heutigen Bauhaus unter dem Stichwort "Industrielles Gartenreich" die allerorten drängende Umgestaltung ehemaliger Industrieregionen Ostdeutschlands und der Welt, analysiert die drückenden Probleme der schrumpfenden und die der wuchernden Städte. Auch das soziale Engagement der Gründergeneration lebt fort: In einem Elendsviertel Rio de Janeiros fungiert ein Dessauer "Bauhaus" als Nachbarschafts- und Ausbildungszentrum für Kinder. Dass von all dem nicht jene sensationellen Wirkungen ausgehen, die das Bauhaus 1926 versprühte, liegt auf der Hand: Die damaligen Bauhäusler agierten als Avantgarde gegen eine übermächtige Tradition. Das heutige Bauhausteam aber ist eines unter vielen - ebenso wie der avantgardistische Habitus: Ihn pflegt längst jeder Projektentwickler, der auf sich hält; so, wie jeder Designer eines x-beliebigen Möbelhauses sich als kleiner Breuer gebärdet. Im Zeitalter der Eventarchitektur, des allbeliebigen Designs und der Baumärkte, die sich Bauhaus nennen, kann keine Bauhausaktion mehr provozieren oder gar eine ganze Gesellschaft in Aufruhr versetzen. Die einzigen, die das noch nicht begriffen zu haben scheinen, sind die Zuständigen des Blaubuchs - und die Stiftung Bauhaus. Denn sie starrt auf ihre Vergangenheit wie das Kaninchen auf die Schlange und versucht ästhetisch und verbal krampfhaft, ihre sinnvollen Tätigkeiten in avantgardistische Hüllen zu stecken. Gezwungene Originalität aber - und in diesem einen Punkt mag das Blaubuch recht haben - ist provinziell. bat.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Jasper von Altenbockum

          F.A.Z.-Sprinter : Im Treibhaus der Klimakonferenzen

          Auf der Klimakonferenz in Madrid wird es ernst, mit dem Kohleausstieg allerdings noch nicht – und auch das Klimapaket lässt auf sich warten. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.