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Glosse Feuilleton : Schröders Apfel

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Kennen Sie das? Diese Sehnsucht nach einem Zwischenfall während eines dieser überlang verlängerten Sonnenwochenenden, wie wir es jetzt gerade wieder hinter uns gebracht haben? Die These, die hier verfochten werden soll, lautet: Sagen ...

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          Kennen Sie das? Diese Sehnsucht nach einem Zwischenfall während eines dieser überlang verlängerten Sonnenwochenenden, wie wir es jetzt gerade wieder hinter uns gebracht haben? Die These, die hier verfochten werden soll, lautet: Sagen Sie mir, wohin Sie sich in Ihrer gänzlich zwischenfallsfreien, bräsigen Wochenendnot wenden, und ich sage Ihnen, wo Ihre Sinnressource steckt. Die Erfahrung ist doch immer wieder dieselbe: Schon ein Zeckenbiß ist im Grunde besser geeignet, das wochenendhalber verloren gegebene Lebensvertrauen zurückzugewinnen, als jedes noch so umstürzlerisch trommelnde Tamtam der großen Politik. Diese in jedem Frühsommer aktualisierte Menschheitserfahrung sollte sich der Soziologe Heinz Bude hinter die Ohren schreiben, wenn er schon in der schieren Ankündigung vorgezogener Neuwahlen ein Heilsversprechen wittert: "Endlich passiert mal was!" Wie bitte: Dieses Nullereignis, dieser Schwund des Politischen im Augenblick seiner größten Aufspreizung soll dazu taugen, uns an die Präsenz der ersehnten unerhörten Begebenheit glauben zu lassen? Natürlich sind wir uns nach eines langen Wochenendes Müh' einig: Es muß mal wieder was passieren! Aber Bude sollte sich in seinem frühsommerlich sprießenden Garten lieber mal von einer Zecke beißen lassen, statt im verdunkelten Haus Politfernsehen zu gucken, dann wüßte er, wie sich das anfühlt, wenn wirklich etwas passiert. Meistens geht es gut, sagt der schnell aufgesuchte Notfallarzt, aber sollte sich in den nächsten drei Tagen ein roter Kreis um die Zeckenbißstelle bilden, dann ist die Gehirnhautentzündung im Anmarsch. In welch bunten Farben das Leben plötzlich wieder erstrahlt, wurde die Zitterpartie der Drei-Tages-Frist nur erst überlebt! Bei allem Triumphalismus der blanken Daseinsfreude muß hier allerdings zugestanden werden, daß Bude dem Politischen nicht ganz grundlos als Heilsbringer auf den Leim gegangen ist. Man schaue sich nur an, wie der Kanzler sich müht, seine Häresie der Formlosigkeit als Erlösungsgeschehen aussehen zu lassen. Im Ausbruch aus dem Vierjahresrhythmus, der zugleich ein Ausbruch aus der profanen Polit-Zeit ist, will Schröder es noch einmal wissen - das ist das mythische Motiv einer Regeneration durch Rückkehr zur ursprünglichen Zeit, zur Zeit seiner Kanzlerwahl vor sieben und abermals vor drei Jahren, die sich als eine Zeit im parmenidischen Sinne erweisen soll: als eine Zeit, die sich immer gleichbleibt, die sich nicht verändert noch erschöpft, die deswegen auch nicht eigentlich abläuft, sondern sich nur wiederfinden läßt - im rituell vollzogenen Anschluß an die bereits stattgefundene Kanzlerwahl, geschehen in illo tempore und immerdar, so oft das Wahlvolk den Wahlsonntag begeht. Die Möglichkeit, auf dem Zeitstrahl aus der Zeit herauszutreten, ist das eigentliche Erlösungsangebot, für das der Kanzler jetzt nur noch die Mißtrauensfrage als den Urfall benötigt. Da sollten die Grünen zugunsten der politischen Heilsökonomie nicht länger zögern, beherzt in den dargebotenen Apfel zu beißen. Es führt doch sonst alles zu nichts. Die Zecke hat als Sinnressource ihre Schuldigkeit getan, die Politik steht vor ihrer Sternstunde, Wochenende, wo ist dein Stachel der Bräsigkeit? gey

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