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Glosse Feuilleton : Schlosszwitter

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Es war zu erwarten und ödet doch unendlich an: Kaum tritt der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in eine neue Phase, erneuert sich das "Sowohl-als-auch" einer Debatte, die längst Palaver ist. Anlass der neuesten Volte ist ein ...

          Es war zu erwarten und ödet doch unendlich an: Kaum tritt der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in eine neue Phase, erneuert sich das "Sowohl-als-auch" einer Debatte, die längst Palaver ist. Anlass der neuesten Volte ist ein Interview des Staatssekretärs im Bundesbauministerium, Engelbert Lütke-Daldrup. Zuständig für den anstehenden internationalen Architektenwettbewerb, erklärte er, das Schloss solle lediglich "unter Berücksichtigung der historischen Fassaden" wiedererstehen. Eine einschränkende, auf einem Parlamentsbeschluss von 2003 basierende Bemerkung. Prompt sahen die Gegner der Rekonstruktion sich, trotz folgenden Dementis des Ministeriums, ermutigt. So wie umgekehrt deren Anhänger sich im Stich gelassen fühlen vom Vertreter jenes Bundes, der 2002 in einer Grundsatzentscheidung den Nachbau der barocken Fassaden der Nord-, Süd- und Westseite samt "Schlüterhof" beschlossen hatte. Die vierte Seite - ehemals pittoreske Reste des Renaissance-Vorgängers - wurde der Moderne anempfohlen. So, dachte man, würde es nun der Wettbewerb fordern. Der Staatssekretär aber prognostiziert eine "Spannbreite vom denkmalpflegerischen Purismus bis zur Teilrekonstruktion". Was Letzteres bedeutet, erläuterte empört Wilhelm von Boddien, der Geschäftsführer des "Fördervereins Berliner Schloss": eine unzumutbare "Patchworkfassade aus historischen und modernen Elementen". Sein Wort wiegt schwer, weil der Verein bisher 14 Millionen Euro Spenden für die Rekonstruktion gesammelt hat, wovon allerdings 7 Millionen nur zugesichert sind. Zudem fehlen noch 65 Millionen an der nötigen Gesamtsumme. Was Engelbert Lütke-Daldrup veranlasste, den Umfang der Rekonstruktion mit dem des schleppenden Spendenflusses zu koppeln und obendrein zu mutmaßen, in der Bevölkerung sei der Wille zur Schlosskopie nicht so tief verankert wie angenommen. Von Boddien dagegen verweist anhand der Frauenkirche sowie der 70 Millionen Euro, die in Hamburg für die geplante Elb-Philharmonie gespendet wurden, auf die Spendefreude der Deutschen. In beiden Fällen aber wusste man, wofür man sein Geld gab. Nicht so beim Berliner Schloss: Der Förderverein redet von der Fülle historischer Relikte, die wiederverwendet werden könnten, zeigt aber keine. Architekten und Behördenvertreter der Arbeitsgruppe zum Wettbewerb bevorzugen dagegen moderne Architektur und formulieren den Ausschreibungstext entsprechend schwammig. Was bei derlei "einerseits - andererseits" herauskäme, zeigen die Pläne zum Potsdamer Schloss, die einen faden Zwitter aus Rekonstruktion und Bürofunktionalismus verheißen. Historienmoderne? Architektur als Versuch, nur "ein bisschen schwanger" zu sein? Vielleicht doch nicht. Denn nun hat der Haushaltsausschuss des Bundestags wegen drohender Kostenexplosion dem Bauministerium zwei Monate Frist gesetzt, um vor der Ausschreibung des Wettbewerbs alle Baukosten exakt zu beziffern. Und er besteht auf "Klarheit", wozu er die eindeutige Forderung nach Fassadenrepliken zählt. bat.

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