https://www.faz.net/-gqz-rqds
 

Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

  • Aktualisiert am

Hier zeigt sich eine deutliche Tendenz, Autorität und Verbindlichkeit von Äußerungen des ordentlichen päpstlichen Lehramts, soweit möglich, aufzusteigern; sie zwar von der des unfehlbaren Lehramts formell zu unterscheiden, aber in der Sache stark an diese anzugleichen. Das ordentliche päpstliche Lehramt soll gegenüber jeder öffentlichen Anfrage und Kritik abgeschirmt werden. Das ist gewiß eine disziplinäre Überanstrengung der päpstlichen Autorität, die dem dargelegten inneren Lebensprinzip der Kirche nicht entspricht und ihr auch nicht dienlich ist. Soll in der Tat jeder Gläubige und Theologe still zusehen und zuwarten müssen, ohne sich selbst dafür engagieren zu können, bis das Lehramt womöglich selbst zu einer besseren Einsicht kommt? Alles vom Heiligen Geist zu erwarten und es ohne eigenes Bemühen und Handeln ihm allein zuzuschieben kann auch eine Vermessenheit sein. Wie hätte die Anerkennung der Religionsfreiheit sich vorbereiten können, wenn nicht kritische, auch öffentliche Infragestellungen durch Theologen und engagierte Laien, wie die Vertreter des christlichen Personalismus zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, stattgefunden hätten?

Es ergibt sich eine abschließende Anfrage an das Kirchenrecht. Nach der von der Münchner Schule unter Klaus Mörsdorf zur Geltung gebrachten Auffassung ist das Kirchenrecht theologisch grundgelegt; es begründet sich aus dem sichtbaren und sakramentalen Charakter der Kirche als Heilsgemeinschaft. Wenn das aber so ist, dann bestimmt nicht das Kirchenrecht die Theologie, sondern bestimmt umgekehrt die Theologie das Kirchenrecht. Auch der kirchliche Gesetzgeber, sosehr er sich als rechtlich frei und souverän verstehen mag, steht nicht außerhalb dieses Bezugsverhältnisses. Das kanonische Recht muß seinen antekanonischen Voraussetzungen entsprechen, soll es seinen tragenden Grund nicht verlieren. Ist dies aber richtig, dann muß auch die Communio-Struktur der Kirche sich im Kirchenrecht auswirken. Das ist bei dem (in der Praxis wohl ohnehin untauglichen) Versuch des Can. 752, jede Art eines kritischen Diskurses gegenüber Äußerungen des nicht unfehlbaren päpstlichen Lehramts auszuschalten, in keiner Weise der Fall, es steht dazu im Widerspruch. Und da diese Norm des kanonischen Rechts selbst keine Äußerung des päpstlichen Lehramts, sondern ein Akt des päpstlichen Gesetzgebers ist, darf sie auch unter Geltung des Can. 752 öffentlich kritisiert werden.

Weitere Themen

Kolonialismus und Erinnerungskultur Video-Seite öffnen

Marilyn Douala Bell im Porträt : Kolonialismus und Erinnerungskultur

Kulturbotschafterin, Kämpferin für kritische Erinnerungskultur und jetzt auch Trägerin der Goethe-Medaille: Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell – Urenkelin von Rudolf Duala Manga Bell, König des Duala-Volkes und berühmter Widerstandskämpfer Kameruns.

Duell mit Constable

„Old Masters“-Auktionen : Duell mit Constable

Die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's liefern sich mit Werken von John Constable ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei den Versteigerungen Alter Meister während der London Art Week.

Topmeldungen

Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.
Neues Ziel Hongkong: Didi-Fahrer chauffiert einen mit App bewaffneten Fahrgast durch Peking.

Didi-Delisting : China löst sich von der Wall Street

Der erst vor einem halben Jahr in New York notierte chinesische Fahrdienst Didi zieht sich auf Druck der übermächtigen Kommunistischen Partei zurück – und lässt sich stattdessen in Hongkong listen.
Die SPD-Führung am Sonnabend in Berlin

SPD für Koalitonsvertrag : Diese Koalition wird kein Selbstläufer

Der baldige Kanzler Scholz hat die Rückendeckung seiner Partei. Aber es lauern Gefahren: Die SPD stellt die Regierungsjahre mit der Union als Zeit der sozialen Kälte dar. Und die erfolgreiche Geschlossenheit könnte rissig werden.