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Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

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Vor diesem Hintergrund zeigt auch das Unfehlbarkeitsdogma eine bislang wenig beachtete Seite. Von außen betrachtet, mag es als dogmatische Absicherung eines Absolutismus in der Kirchenverfassung erscheinen. Von innen her und theologisch betrachtet, kann es hingegen gerade wegen seiner formalisierenden und limitierenden Funktion eine andere Bedeutung gewinnen. Es zeigt sich dann als die mit dem Beistand des Heiligen Geistes gegebene Gewähr, daß die Kirche Jesu Christi bei aller Menschlichkeit, die in ihr auch waltet, doch den geoffenbarten Glaubenskern und Glaubenssinn im Gang durch die Zeit nicht verliert. So gesehen ist es bezogen auf Ausnahmelagen, auf die Abwehr gravierender Gefährdungen, nicht ein Anruf zur Entfaltung eines umfassenden Glaubensgebäudes. Indem das Unfehlbarkeitsdogma in seiner limitierenden und in dieser Limitierung verbindlichen Definition zugleich die potentielle Fehlbarkeit aller übrigen Lehräußerungen mit definiert, bewahrt es die Kirche und ihr Lehramt vor zerstörerischen Übersteigerungen des eigenen Autoritätsanspruchs und unterfängt innerkirchliche Freiheit.

Es bleibt die Frage, inwieweit das hier entwickelte Konzept in einem Spannungsverhältnis, ja einer Diskrepanz zum geltenden kirchlichen Recht steht, näherhin dem Lehrrecht des CiC 1983 und dessen Autoritätsverständnis. Nach can. 752 ist einer Lehre, die der Papst oder das Bischofskollegium in Glaubens- oder Sittenfragen in Wahrnehmung ihres nicht unfehlbaren Lehramts verkündigen, ein religiöser Verstandes- und Willensgehorsam entgegenzubringen. Es wird ein Gehorsam gefordert, der zwei nicht zu trennende Seiten aufweist: intellektuell eine innere zustimmende Aneignung, volitiv eine äußere Gefolgschaft. Es wird erwartet, daß ein eventueller Mangel an Einsicht oder Verständnis mit Hilfe eines Willensaktes überbrückt und so doch in eine innere Zustimmung überführt wird, im Sinne eines Gehorsams aus religiöser Motivation in der Anerkennung der kirchlichen Autorität.

Diese Gehorsamspflicht ist im CiC 1983 neu eingeführt worden. Der CiC 1917 statuierte insoweit nur die Pflicht, sich neben der Häresie auch vor all jenen Irrtümern zu hüten, welche ihr mehr oder weniger nahekommen, und deshalb alle Konstitutionen und Dekrete zu befolgen, durch die vom Heiligen Stuhl solche verkehrten Auffassungen verworfen oder verboten wurden. Das war eine negativ-ausgrenzende Pflicht, nämlich Häresien und ausdrücklich verurteilte Irrtümer zu vermeiden, nicht eine Pflicht zu positiver Zustimmung gegenüber allen vorgetragenen Lehren ohne weitere Differenzierung.

Die jetzt verlangte Zustimmungspflicht erhält dadurch einen besonderen Akzent, daß den Gläubigen ergänzend eine Unterlassungspflicht auferlegt wird, nämlich "sorgsam alles zu meiden, was einer verkündeten Lehre nicht entspricht". Während bei Glaubensaussagen nur entgegenstehende Lehren zu meiden sind, ist hier schon alles "Nichtentsprechende" zu meiden. Wird diese Norm als kirchliches Gesetz ihrem Anspruch gemäß ernst genommen, ist eine entgegenstehende eigene Einsicht völlig irrelevant. Auch eine sorgfältig geprüfte, zwingend erscheinende Einsicht kann lediglich zur ausnahmsweisen inneren Suspension der Zustimmung, zu dem sogenannten schweigenden Gehorsam, führen; jede öffentliche Anfrage und Kritik, auch in der Form wissenschaftlicher Diskussion, wird ausgeschlossen.

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