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Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

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Läßt sich daraus etwas für die Autorität und Verbindlichkeit päpstlicher Enzykliken folgern? Und wie läßt sich dies in Begriffe fassen, damit es nicht in Erbaulichkeit steckenbleibt? Da die Enzykliken an der Unfehlbarkeit, welche die Glaubensidentität der Kirche sichern soll, nicht teilhaben, sind sie innerhalb der communio der Kirche dem Dialog nicht verschlossen, sondern geöffnet. Das gilt um so mehr, als es sich bei der Herde, welcher der Hirt gegenübersteht, um personale, zu ethisch-sittlicher Vernunfteinsicht befähigte, von der Geistbegabung keineswegs ausgeschlossene Wesen handelt. Dies bedarf freilich einer Konkretisierung. Dazu vermag der Jurist mit den ihm verfügbaren Kategorien vielleicht einen Beitrag zu leisten.

Kraft der Autorität des päpstlichen Hirten- und Lehramts kommt päpstlichen Enzykliken durchaus eine Verbindlichkeit zu. Sie stellen eine Vorgabe dar und haben vor allem die Vermutung der Richtigkeit für sich. Diese Richtigkeitsvermutung ist freilich eine widerlegbare. Für eine solche Widerlegung findet indes eine Umkehr der Beweislast statt. Nicht das päpstliche Lehramt muß die Richtigkeit der in der Enzyklika geltend gemachten Lehre beweisen, um Verbindlichkeit beanspruchen zu können; vielmehr müssen umgekehrt die Gläubigen und Glieder der Kirche, wenn sie deren Verbindlichkeit und Orientierungskraft (für sich) in Frage stellen wollen, nach gründlichem eigenen Erkenntnisbemühen triftige, für sie zwingende Gründe gegen die Richtigkeit der Enzyklika haben. Solange ein solcher Beweisgang nicht geführt ist, bleibt die Verbindlichkeit bestehen. Damit wird die Autorität von Enzykliken weder eingeebnet noch auf ein bloßes Angebot reduziert. Sie wird jedoch in eine notwendige Balance gebracht, in der Weise, daß sie von der Bewährung in der Rezeption durch den sensus fidelium nicht völlig freigestellt ist.

Ebendies entspricht auch dem Lebensprinzip der Kirche als einer lebendigen Glaubensgemeinschaft, das sich von dem einer gesellschaftlichen Organisation wie dem Staat substantiell unterscheidet. Ihr Leben beruht nicht auf der Beziehung von Gesetz/Gebot und Gehorsam, sondern auf der von traditio und receptio. Das Lehramt stellt die Lehre mit der ihm verliehenen Autorität vor, schöpft aus Tradition und eigenem Wissen, wendet sich damit an andere Amtsträger wie an die Gläubigen als lebendige, vernunftbegabte und im Glauben verbundene Glieder der Kirche. Der Nexus, der hier entsteht, ist der von Autorität und Vertrauen auf der einen, innerer Folgebereitschaft auf der anderen Seite, einer Folgebereitschaft freilich, die eigenes Denken nicht ausschaltet, sondern aufnimmt. Das unterscheidet sie von bedingungsloser Unterwerfung, die dem Lebensprinzip der Kirche zuwider ist.

Allerdings kann es auf diese Weise nicht nur zu kritischen Anfragen, sondern auch zu einer Verweigerung der receptio kommen. Solche Rezeptionsverweigerung, tritt sie verbreitet auf, erweist sich dann, wird sie aus dem Lebensprinzip der Kirche heraus verstanden, als Zeichen für das Lehramt selbst, als Anruf zum Hinhören auf den sensus fidelium. Dieses Hinhören kann Anlaß für das Lehramt sein, die eigene Lehre vor sich in Frage zu stellen, sie vielleicht anders und überzeugender zu begründen oder aber sie zu modifizieren oder auch zu korrigieren.

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