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Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

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Es läßt sich also im Verhältnis der Erklärung über die Religionsfreiheit zu den genannten Enzykliken nichts anderes als ein Teilwiderspruch und eine Teilaufhebung der letzteren durch die erstere feststellen. Auch wenn es sich nur um einen Teilwiderspruch und eine Teilaufhebung handelt, werden dadurch die Fehlerhaftigkeit und der Irrtum nicht aufgehoben. Bonum ex integra causa, malum ex quolibet defectum, heißt es bei Thomas von Aquin. Nicht von ungefähr hat Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau, als er vom Zweiten Vatikanischen Konzil zurückkam, zu seinem Lubliner Kollegen Myskow geäußert: "Das war eine Revolution", an der er sich übrigens in den Konzilsberatungen maßgeblich beteiligt hat.

Ein anderes Argument könnte sein, daß die ältere Lehre immer schon und explizit seit Leo XIII. mit einem Vorbehalt der vollen Anwendung je nach der gegebenen Situation verbunden wird. Die Konzilserklärung habe angesichts einer nochmals veränderten Situation sich nur zu einem vollen Anwendungsverzicht für den äußeren Rechtsbereich entschlossen, ohne die These als solche aufzugeben. Dies ist weder schlüssig noch tragfähig. Denn in der Konzilserklärung wird nicht die generelle Hinnahme eines Übels im äußeren Rechtsbereich erklärt, vielmehr findet ein Umschlag ins Positive, in ein natürliches Recht statt: Nicht mehr die generelle Hinnahme eines Übels, sondern Würde und Wesen der menschlichen Person begründet das äußere Recht auf religiöse Freiheit.

Unsere Betrachtung hat so den Nachweis erbracht, daß päpstliche Lehrenzykliken nicht nur theoretisch abstrakt fehlbar sein können, sondern einige auch konkret und wirklich fehlbar gewesen sind. Dies läßt sich nicht als irrelevant beiseite stellen. Was sich in einem bedeutsamen Fall ereignet hat, kann sich auch in anderen Fällen ereignen. Es läßt sich nicht sagen, der Beistand des Heiligen Geistes, der dem Papst als Träger des obersten Lehramts in der Kirche zugesagt ist, schließe die theoretisch gegebene Möglichkeit der Fehlbarkeit von Enzykliken gleichwohl praktisch aus. Was bedeutet das für den Status päpstlicher Enzykliken?

Die Autorität kirchlicher Ämter ist gegründet in der Ordnung der Kirche. Diese Ordnung ist nicht ohne hierarchischen Charakter, aber ihr grundlegender Strukturbegriff ist nicht der einer von oben verwalteten Heilsanstalt, sondern der einer communio, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil herausgearbeitet hat. Diese communio bedeutet in erster Linie, wie Walter Kasper dargelegt hat, gemeinschaftliche Teilhabe an den Heilsgaben, das heißt am Heiligen Geist, dem Evangelium, den Sakramenten, die alle Glieder der Kirche in einer fundamentalen Gleichheit und Brüderlichkeit verbindet. Die Ämter in der Kirche haben die Aufgabe, die Christen als Teilhaber an der communio im Glauben zu stärken, ihnen Hirten im eigentlichen Sinn zu sein, die - ich beziehe mich auf die Inthronisationspredigt Benedikts XVI. - sich aufmachen, die Menschen aus den Wüsten, den äußeren wie inneren, herauszuführen zu den Orten des Lebens - zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt. Der Hirt, der sich so um das Wohl dieser Herde sorgt, steht mit ihr nicht nur in einer Reihe, er steht ihr auch, wie Christus den Erlösten, gegenüber, mit eigener Vollmacht. Darauf beruht seine Autorität, die ihn aber nicht aus der Gemeinsamkeit der communio herauslöst. In und mit dieser Autorität ist er Diener der Gläubigen, nicht Träger eigener Herrschaft, vielmehr Sachwalter des Geistes, der in der Kirche lebt und sie erhält.

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