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Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

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Ein Kernpunkt dieser Ordnung war, auch und gerade in ihrer naturrechtlichen Begründungsform, die sich schon bei Pius IX. zeigte und von Leo XIII. zu einem Lehrsystem ausgebaut wurde, die Einheit von Recht und Moral, und zwar auf der Grundlage kirchlich angeleiteter und kontrollierter Vernunfterkenntnis. In ihr konnten äußere Rechte, insbesondere Freiheitsrechte, die ein Abweichen von der Ordnung der Wahrheit ermöglichten und dies gegebenenfalls schützten, keinen Platz haben. Freiheit war nur als Freiheit wozu, zu einem vorgegebenen Ziel denkbar, als Freiheit zum Ergreifen des wahren Glaubens und der Erreichung der religiösen und sittlichen Bestimmung des Menschen.

Daher die Zurückweisung eines Rechts auf Religionsfreiheit. Sie bezieht sich nicht nur auf den moralischen Bereich, wo sie in der Tat ihr gutes Recht hat, sondern zugleich auf den äußeren Rechtsbereich, das juridische Recht. Das Recht wird - als Naturrecht wie als positives Recht - lediglich als die auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogene Außenseite der Sittlichkeit verstanden, nicht in einer eigenen Aufgabe und Funktion anerkannt. Kontroverstheologisch oder heute ökumenisch formuliert, zeigt sich die Abwesenheit jeden Ansatzes zu einer theologisch fundierten Zwei-Reiche-Lehre.

Die Gegensätzlichkeit der päpstlichen Aussagen zur Declaratio de libertate religiosa ist offenkundig. Diese erklärt ausdrücklich, daß die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat, verstanden als Freiheit von Zwang, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen. Und dieses Recht wird nicht aus einer bestimmten subjektiven Verfassung der Person, etwa ihrem Stehen in der religiösen Wahrheit oder ihrer Befangenheit in einem error invincibilis, die toleriert werden muß, begründet, sondern aus der Würde der menschlichen Person. Deshalb bleibt die religiöse Freiheit - die Erklärung sagt es ausdrücklich - auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen. Die Erklärung tut den epochalen Schritt vom Recht der Wahrheit zum Recht der Person.

Stellt nun diese Gegensätzlichkeit einen wirklichen Widerspruch dar, der die päpstlichen Äußerungen und die Erklärung über die Religionsfreiheit als inhaltlich unvereinbar und damit entweder die Lehre der Enzykliken oder aber die Konzilserklärung als irrig erweist, oder läßt sich die Gegensätzlichkeit im Sinne der weiteren Entfaltung der päpstlichen Lehren durch das Konzil beziehungsweise ihrer Anwendung auf eine neue Situation auflösen?

Es wird das Argument vertreten, die Konzilserklärung erhalte die Prinzipien für den moralischen Bereich voll aufrecht, schränke ihre Geltung aber auf diesen Bereich ein, erstrecke sie nicht mehr auf den äußeren Rechtsbereich. Das sei der wichtige Entwicklungsfortschritt. Dies ist vom Tatbestand her zutreffend. Aber was besagt es? Man mag darin eine Fortentwicklung sehen, aber sie hat einen teilweisen Widerruf der bisherigen Lehre zum Inhalt und durchbricht insoweit die Kontinuität. Daran geht kein Weg vorbei. Was die Enzykliken des neunzehnten Jahrhunderts lehrten, bezog sich ungeschieden auf den moralischen und äußeren Rechtsbereich zugleich. Die Konzilserklärung statuiert für den äußeren Rechtsbereich genau das Gegenteil, nämlich das Recht der Person auf religiöse Freiheit, unabhängig von der objektiven Wahrheit der eigenen Überzeugung, also auch bei deren Irrtum, und unabhängig vom Bemühen um diese Wahrheit. Und sie begründet dieses Recht naturrechtlich, aus dem Wesen der menschlichen Person, ihrer Freiheitsnatur. Damit ist die alte Lehre, soweit sie den äußeren Rechtsbereich betraf, ihrerseits für naturrechtswidrig erklärt.

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