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Glosse Feuilleton : Rom hat gesprochen, die Debatte ist eröffnet

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Das Ergebnis läßt sich auf zweierlei Weise ausdrücken. Päpstliche Enzykliken als eigenes Genre päpstlicher Lehrverkündigung sind als solche nicht unfehlbar, oder andersherum und für manche Ohren vielleicht etwas schockierend formuliert, sie sind prinzipiell fehlbar, ein Irrtum läßt sich nicht von vornherein ausschließen.

Ist diese theoretische Irrtumsmöglichkeit mehr als eine abstrakte Hypothese? Die Enzykliken der Päpste des neunzehnten Jahrhunderts in ihren Aussagen zur Religionsfreiheit bilden einen markanten Beispielsfall. Was sie vertraten und lehrten, betraf nicht eine Randfrage, über die man hinwegsehen kann, sondern einen zentralen Punkt der Einstellung und des Verhaltens der Kirche und ihrer Gläubigen im Blick auf die Lebenswelt der Menschen und deren Ordnung. Ich beziehe mich auf "Mirari vos" Gregors XVI. (1832), "Quanta cura" mit dem angehängten Syllabus errorum Pius' IX. (1864) und "Libertas praestantissimum" Leos XIII. (1888). "Mirari vos" verurteilt die aus dem verderblichen Indifferentismus fließende "irrige und absurde Auffassung, ja besser den Wahnsinn, es sei jedem ,die Freiheit des Gewissens' zuzuerkennen und zu erkämpfen". In "Quanta cura" werden im Bewußtsein der apostolischen Pflicht eine große Zahl verkehrter Meinungen und Lehren zurückgewiesen, verboten und verdammt. Dazu gehört die irrige Meinung, die Freiheit des Gewissens und die Gottesverehrung (Kultus) seien ein Recht jedes einzelnen Menschen, das in jedem in rechter Weise konstituierten Staat durch Gesetz proklamiert und gewahrt werden müsse. "Libertas praestantissimum" schließlich setzt sich kritisch mit der Freiheit der Religionsausübung auseinander. Da Gott den Menschen für die Gesellschaft geschaffen und in den Verband von Wesen gleicher Art gestellt hat, habe die Gesellschaft Gott als ihren Vater und Urheber anzuerkennen und ihm in Ehrfurcht zu dienen. Gerechtigkeit und Vernunft verbieten daher, daß der Staat ohne Gott ist oder, was auf das gleiche hinausläuft, daß er sich gegenüber den verschiedenen Religionen auf gleiche Weise verhält. Deshalb sei es keinesfalls erlaubt, Gedanken-, Rede-, Lehr- und unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, als wären dies Rechte, die dem Menschen die Natur gibt.

Diese päpstlichen Lehren waren veranlaßt durch die Auseinandersetzung einerseits mit einem agnostischen Liberalismus und Indifferentismus, der mit einem sich steigernden Antiklerikalismus insbesondere in den romanischen Ländern verbunden war, anderseits mit den politischen Ordnungsideen der Aufklärung und der Französischen Revolution, die das liberale und tendenziell auch demokratische Freiheitskonzept zum Inhalt hatten, in ihrer ersten praktischen Anwendung freilich totalitäre Exzesse keineswegs vermieden. Dieser Entwicklung stellten sich die Päpste entgegen. Dem liberalen Freiheitskonzept wurde auf der Grundlage eines theonomen Weltbildes ein geschlossener, auf der wahren Religion beruhender ordo und eine dementsprechende rechtlich-politische Ordnung gegenübergestellt, die auf die Wahrheit - als die durch Vernunft und Offenbarung gegebene Erkenntnis über die religiöse und sittliche Bestimmung des Menschen - verpflichtet ist.

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