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Glosse Feuilleton : O. J. und kein Ende

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Das Buch wurde eingestampft, aber wir erfahren jetzt doch, was darin gestanden hat. Zumindest in Auszügen. "If I Did It", O. J. Simpsons angeblich hypothetischer Bericht vom Mord an seiner Frau Nicole Brown Simpson und deren Freund ...

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          Das Buch wurde eingestampft, aber wir erfahren jetzt doch, was darin gestanden hat. Zumindest in Auszügen. "If I Did It", O. J. Simpsons angeblich hypothetischer Bericht vom Mord an seiner Frau Nicole Brown Simpson und deren Freund Ronald Goldman, ist wieder im Gespräch, nachdem jetzt dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek" ein wundersamerweise intaktes Exemplar zugespielt wurde. Es geht darin, wie das Magazin schreibt, so abstoßend zu, wie es zu erwarten war. Aber es soll doch Neues geben, wenn nicht Sensationelles: "Newsweek" glaubt, ein Geständnis daraus zu lesen. Was Simpson natürlich vehement abstreitet. Er leugnet weiterhin, seiner Frau den Hals durchgeschnitten zu haben, allein schon deshalb, weil er, wie er seinem Ghostwriter anvertraut haben soll, seinen Kindern solche blutrünstigen Details nicht zumuten wolle. Sein Anwalt Yale Galanter verweist gar auf eine Erklärung in dem nie veröffentlichten Buch, aus der klar hervorgehe, dass es in dem zentralen Kapitel, in dem die Morde beschrieben werden, nicht nur Fakten gebe. Der Journalist Mark Miller, der das Kapital mit der Überschrift "The Night in Question" zu lesen bekam, zeigt sich nun aber verblüfft, wie eng es sich an den in dem Mordprozess von der Anklage rekonstruierten Tatvorgang hält. Simpson nehme den "klassischen Tonfall" eines Mannes auf, der seine Frau misshandle. Sie habe ihn mit ihren Flirts und ihrem unangemessenen Verhalten vor den Kindern zum Mord getrieben, verteidigt er sich in mit Flüchen durchsetzten Passagen. Abweichend von dem Tatvorgang, wie er bisher als bekannt galt, führt Simpson eine zweite Person ein, die er Charlie nennt. Charlie habe versucht, ihn von den Morden abzuhalten. Miller spekuliert nun, dass es diesen Tatzeugen wirklich gegeben haben könnte, denn auch in dem Prozess wurde lange nach einer zweiten Person gesucht, die Simpson geholfen haben könnte, die blutbeschmierte Kleidung zu beseitigen. Die Polizei konnte sie jedenfalls nie finden. All diesen Details zum Trotz empört sich Simpson nun doch über alle, die ihm nach wie vor zutrauen, den Doppelmord begangen zu haben. Auch durch seinen Anwalt ließ er nach dem Scoop von "Newsweek" verbreiten, er sei "absolut hundertprozentig unschuldig". Die Debatte darüber droht wohl weiterzugehen. Denn wenn auch der Verlag HarperCollins im öffentlichen Proteststurm einknickte und das Buch nicht an die Buchhandlungen auslieferte, kann Simpson doch versuchen, es demnächst andernorts unterzubringen. Und fände sich kein Verleger, wäre es heutzutage wahrlich keine Kunst und kein finanzielles Risiko, den Splatterporno im Selbstverlag herauszubringen. Verschwinden wird "If I Did It", wie "Newsweek" halb empört, halb sensationslüstern vorgeführt hat, ohnehin nicht. J.M.

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