https://www.faz.net/-gqz-tkvh
 

Glosse Feuilleton : Nichts kaufen!

  • Aktualisiert am

Die Erinnerung begann schon beinah zu verblassen - an diese aberwitzige Ankündigung der baden-württembergischen Landesregierung, sie werde von den Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe auf dem internationalen ...

          Die Erinnerung begann schon beinah zu verblassen - an diese aberwitzige Ankündigung der baden-württembergischen Landesregierung, sie werde von den Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe auf dem internationalen Markt so viele verkaufen, bis daraus siebzig Millionen Euro erlöst wären. Von denen sollten dann - so lautete der als fait accompli und keineswegs als kesses Vorhaben verlautbarte Plan der Regierung - vierzig Millionen in eine Stiftung einfließen: zum Erhalt der Schloßanlage Salem im Besitz des ehemals regierenden Markgrafenhauses Baden. Salem selbst sollte auch mit in die Stiftung - und im Gegenzug das Haus Baden die verbleibenden dreißig Millionen Euro erhalten, als Kostendeckung für die bisherige Sanierung in Salem. Über allem schwebten dräuend 250 bis 300 Millionen Euro, die zwischen Land und Haus Baden umstrittenes Kulturgut angeblich wert sein sollte - das aber nach diesem Handel ganz und gar dem Land gehören würde. Die wissenschaftliche Gemeinde machte wegen der Handschriften global einen Aufstand, der das deutsche Feuilleton in die Albträume von Ministerpräsident Günther Oettinger katapultierte. Unabhängige Juristen erteilten Nachhilfe in Sachen Säkularisation, Patrimonaleigentum und Stichjahr 1919. Flugs ruderte Oettinger auf dreißig Millionen Euro für das Haus Baden zurück, zu erbringen - wenn sie denn schon ihre gehorteten Handschriften unbedingt behalten will! - von der Kultur, und zwar im sogenannten "Drei-Säulen-Modell": zehn Millionen von der Landesstiftung, zehn Millionen von noch zu gewinnenden Sponsoren und zehn weitere Millionen, die den Museen und den Bibliotheken zu entziehen sein würden. Jetzt kam's aber zum Gau für Stuttgart: Ein Historiker zeigte der Regierung, was eine Akte ist; in der stand nämlich, daß das sicherste und teuerste Besitztum des Hauses Baden, das es so dringend zu erwerben galt, längst Eigentum des Landes Baden war. Seither gibt es eine Kommission unabhängiger Experten, die in aller gebotenen Ruhe die Verhältnisse prüfen soll. Um so verwunderlicher ist folgende kleine versteckte Nachricht: Heute will der Aufsichtsrat der Landesstiftung Baden-Württemberg über die Verwendung von zehn Millionen Euro in den nächsten drei Jahren für den Ankauf und die Sicherung von Kunstschätzen des Landes entscheiden. Ja, was nun? Prüfen die Experten wirklich mit offenem Ausgang? Oder ist die Säulen-Theorie womöglich schon Praxis - gleichgültig, ob es überhaupt etwas zu stützen gibt am Ende? Sicher ist, so die Auskunft der Landesstiftung, daß schon zehn Millionen Euro "reserviert" sind; wofür im einzelnen, weiß dort freilich niemand. Wie auch? Für alle Fälle, steht also zu vermuten. Auch sonst scheint keiner Genaues zu wissen im Südwesten und die Landesstiftung selbst nicht einmal, ob ihr Aufsichtsrat unter Vorsitz von Oettinger heute die geplante Tagesordnung einhält. Vielleicht besser doch nicht. rmg

          Topmeldungen

          Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
          Lässt ein verheerendes Echo nicht lange verhallen: Markus Söder sucht die Abgrenzung der AfD.

          Vergleiche mit der NPD : Wie Söder sich von der AfD abgrenzt

          Vor knapp einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident erfolgreich seine Taktik im Umgang mit der AfD geändert – doch ganz genau nimmt er es mit seinen Aussagen nicht immer. Eine Analyse.
          Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

          Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

          Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.