https://www.faz.net/-gqz-szqy
 

Glosse Feuilleton : Mund auf

  • Aktualisiert am

Der Kanon, ja freilich, der Kanon. Die Gedichte, sicher. Und die großen Dramen, gewiß. Wie oft hat man jene Klage über das Wegbrechen der Bildung bei der jüngeren Generation gehört. In dem Unterrichtsfach, das sich immer noch "Deutsch" ...

          1 Min.

          Der Kanon, ja freilich, der Kanon. Die Gedichte, sicher. Und die großen Dramen, gewiß. Wie oft hat man jene Klage über das Wegbrechen der Bildung bei der jüngeren Generation gehört. In dem Unterrichtsfach, das sich immer noch "Deutsch" nennt, wird oft anderes getrieben, man liest in fünften Klassen niederländische Kinderarbeitsgeschichten und in den neunten die "Chronik eines angekündigten Todes" von Gabriel García Márquez. Und wie wenig würde es helfen, wenn statt dessen der "Wilhelm Tell" wieder auf dem Lehrplan stände. Denn die Stimmen sind nicht mehr da, die von diesem Text verlangt werden. Die Zehn- bis Zwanzigjährigen sind zunächst einmal und vor allem eine Generation der Nuschler, statt des bürgerlichen "Guten Tag" bringen sie gerade noch ein "Hi" über die Lippen. Der Verfall hat die Phonetik, die Artikulation selbst erreicht. Bittet man einen von ihnen, den man nicht verstanden hat, darum, den Satz noch einmal deutlicher zu wiederholen, dann steigert sich das Nuscheln nur zu einer nunmehr gebellten höheren Lautstärke, der Sinn verschwindet nach wie vor im Ungefähren. Es ist, als ob sogar Ernst Jandls schöner Vorlesungstitel "Vom Öffnen und Schließen des Mundes" bald für eine vergangene Kulturstufe steht: Artikulation ist Streß. Das ist aber mehr als ein Verfall der Bildung, es ist ein geradezu anthropologischer Wandel. Kein Cicero, kein Quintilian hat von ihm etwas geahnt, kein Adam Müller, der den Verfall der Beredsamkeit in Deutschland beklagte, hat sich den Verfall der Stimmen ausmalen können. Wir wurden auf diese melancholischen Gedanken gebracht, als wir bei der Trauerfeier für Joachim Fest in der Paulskirche die Rede von Martin Walser hörten - nämlich mit dem Ohr hörten: Welche Genauigkeit legt er in jedes einzelne Wort, welch große Melodie, durch den alemannischen Dialekt gefördert, verbindet sie alle! Jeder große Schriftsteller und Dichter ist zunächst einmal ein großer Sprecher. Man sollte vielleicht nicht mehr Lehrer, sondern zehntausend Logopäden in deutschen Schulen einstellen. L.J.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Armin Laschet und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag in Berlin

          Laschet und die Union : Der Kandidat, der enttäuschte

          Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis muss der CDU-Vorsitzende Armin Laschet die Parteifreunde besänftigen. Vom zweiten Platz aus versucht die Union, eine Regierungsperspektive zu behalten.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.
          Christian Lindner (rechts), FDP-Vorsitzender und Robert Habeck, Grünen-Vorsitzender, nehmen am Deutschen Arbeitgebertag 2018 teil.

          Die Grünen und die FDP : Gespräche geübter Gegner

          Inhaltlich liegen FDP und Grüne in vielen Politikfeldern über Kreuz. Doch der Wille zu einer gemeinsamen Regierung bringt sie nun einander näher.
          Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz

          Nach F.A.Z.-Informationen : Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

          Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.