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Glosse Feuilleton : McKulturkarneval

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Die älteren, durch Busreisen in die Alpen abgehärteten Reinickendorfer und Spandauer befriedigen ihr Harmoniebedürfnis bei den Volksmusikorgien der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Der mittelalte, schon flugzeuggeprägte Kreuzberger geht dafür alljährlich zum "Karneval der Kulturen".

          Die älteren, durch Busreisen in die Alpen abgehärteten Reinickendorfer und Spandauer befriedigen ihr Harmoniebedürfnis bei den Volksmusikorgien der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Der mittelalte, schon flugzeuggeprägte Kreuzberger geht dafür alljährlich zum "Karneval der Kulturen". Barbusige Damen wackeln stets an Pfingsten zu Sambarhythmen, Afrikaner trommeln um die Wette, trachtentragende Koreaner winken schüchtern ins Publikum. Der Umzug samt Straßenfestival soll die ethnische Vielfalt Berlins zur Schau stellen und eine multikulturelle Harmonie ausstrahlen. Hier kann jeder selbstvergessen Weltbürger sein, auch der noch so verbitterte Altlinke. Doch wie eng sind die Grenzen dieser Toleranz? Was würde passieren, wenn sich Alphornmusiker in den Karneval einreihten? Oder wenn zwischen dem "African Culture Web" und dem "Tamilischen Kulturverein" zum Beispiel Ronald McDonald auftauchte? Dann wäre wohl Kulturkampf angesagt, denn der gehört in Kreuzberg auch zur Identität. Die Schnellimbisskette, für die der Clown lächelt, will im Wrangelkiez gerade ihre erste Vertretung eröffnen und das Ernährungsmonopol der Dönerbuden brechen. McDonald's betreibt dreißigtausend Restaurants in mehr als hundert Ländern, doch das Unternehmen gilt, allen voran dem Kreuzberger Bundestagsabgeordneten Ströbele, nicht als gut-multikulturell, sondern als Globalisierungssymbol, also als böse und bedrohlich. Dabei gibt sich McDonald's Mühe, sich kulturell zu adaptieren: In Indien hat es den "McAloo Tikki" im Sortiment, in Saudi-Arabien den "McArabia". In Deutschland sendet man mit Kampagnen wie "Dahatma India" und "Los Wochos" ungeniert auf der multikulturellen Wellenlänge, und sogar Entwicklungshilfe steht auf dem Programm: In ärmeren Ländern sind mobile Kinderkrankenhäuser des Unternehmens unterwegs. Alles Tarnung natürlich! "Problemkiezbewohner" steht auf einem T-Shirt, das am nächsten Sonntag mit dem Logo des Karnevals der Kulturen verkauft wird. "Kiezproblemerfinder" wäre für die McAktivisten passender. Denn in Kreuzberg gibt es ganz andere Herausforderungen im Vergleich zur Normalität einer Hamburgerbutze: Vielen Jugendlichen hat bisher niemand beigebracht, ein Mittagessen in ganzen, korrekten Sätzen ihrer Heimatsprache zu bestellen. csl.

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