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Glosse Feuilleton : Man in black

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Der internationale Faschismus hatte viele Gesichter. Manche seiner europäischen Protagonisten kamen von links, wie Mussolini, der Brite Oswald Mosley oder der Franzose Jacques Doriot. Manche aus der italienischen Bewegung der Frühzeit waren Juden wie Mussolinis Geliebte Margherita Sarfatti.

          Der internationale Faschismus hatte viele Gesichter. Manche seiner europäischen Protagonisten kamen von links, wie Mussolini, der Brite Oswald Mosley oder der Franzose Jacques Doriot. Manche aus der italienischen Bewegung der Frühzeit waren Juden wie Mussolinis Geliebte Margherita Sarfatti. Nun hat man festgestellt, dass Lawrence Dennis, der als wichtigster intellektueller Faschist der Vereinigten Staaten galt, eine schwarze Mutter hatte und seine Karriere im Knabenalter als Evangeliumsprediger der Afroamerikaner begann. Die Überraschung angesichts solcher "Diversity" auf der Rechten ist groß. Der britische "Guardian" widmete Lawrence Dennis einen längeren Artikel, der auf dem schon im vergangenen Jahr erschienenen Buch "The Color of Fascism" von Gerald Horne beruht. Irgendwann als Heranwachsender habe Dennis beschlossen, künftig als "Weißer" aufzutreten - was ihm auch gelang, obwohl mancher aus dem Kreis der Kriegs- und Roosevelt-Gegner der dreißiger Jahre, mit deren Anliegen Dennis sympathisierte, bei ihm eine "nahöstliche" Erbschaft vermutete, wie der Pilot Charles Lindbergh, oder, wie ein linkes Blatt, vor dem "großgewachsenen, schwärzlichen Propheten" des Faschismus warnte. Wirtschaftliche Gedanken waren es, die Dennis zum Faschismus führten. Wolfgang Schivelbusch hat unlängst Faschismus, Nationalsozialismus und "New Deal" als zeitgleiche Wege aus der Wirtschaftskrise verglichen, und wer ihm folgt, wird das Rätsel von Lawrence Dennis entziffern können: Eine kollektivistische, korporatistische Lösung hielt der ehemalige Bankmanager und Harvard-Absolvent für unausweichlich, und dabei, so glaubte er, sei der Faschismus dem Kommunismus vorzuziehen. Bei einem Besuch in Deutschland traf er mit Rudolf Hess zusammen, von dem er mehr hielt als von Göring und Goebbels. 1944 wurde er zusammen mit anderen wirklichen oder vermeintlichen Sympathisanten der Achsenmächte vor Gericht gestellt, nach dem "Sedition Act", der schon im Ersten Weltkrieg die Opposition niederhalten sollte. Dem Magazin "Life" galt er damals als "faschistischer Autor Nummer eins". Aber er kam frei. Als Hitler in Russland steckenblieb, ging auch Dennis auf Abstand zum Nationalsozialismus. Das Reich, so glaubte er, hätte besser daran getan, als ein internationaler Habenichts mit dem "bolschewistischen, asiatischen Stalin" und mit den farbigen Völkern ein Bündnis einzugehen, statt auf eine Zulassung zum Klub der weißen Herren der Welt zu hoffen. Nun setzte er auf Stalin - denn wie er selbst und Lindbergh "America First" als außenpolitische Maxime vertreten hätten, so folge nun der östliche Herrscher der Idee "Russia First". Damit aber war Dennis im Kalten Krieg vollends isoliert. 1977 starb er, vergessen - und, wie sein Biograph Horne mitteilt, mit einer Afrofrisur. L.J.

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