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Glosse Feuilleton : Hüter des verlorenen Welles

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Der blonde Mann, der 1994 auf der Bühne des Hamburger Metropolis-Kinos stand, sah eher aus wie ein alternder Surfer, er hatte seine sehr blonde Frau mitgebracht aus Kalifornien und eine Handvoll Filme, die man so schnell nicht wiedersehen würde.

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          Der blonde Mann, der 1994 auf der Bühne des Hamburger Metropolis-Kinos stand, sah eher aus wie ein alternder Surfer, er hatte seine sehr blonde Frau mitgebracht aus Kalifornien und eine Handvoll Filme, die man so schnell nicht wiedersehen würde. Da war Orson Welles, wie er Werbung für japanischen Whiskey macht, wie er ein paar Zaubertricks vorführt oder "An Evening with Orson Welles" für die Kaufhauskette Sears gestaltet. Gary Graver, damals Mitte Fünfzig, war Welles' Kameramann, und er trug das Vermächtnis des 1985 verstorbenen Regisseurs durch die Welt. Als Zwanzigjähriger hatte Graver "Touch of Evil" gesehen und wußte danach, daß er Filme machen wollte. Er ging nach Hollywood, wurde eingezogen und kam mit der "U.S. Navy Combat Camera Group" nach Vietnam; wie man mit einer Kamera umgeht, hatte er gelernt, indem er sich bei Kameraverleihern in Hollywood herumtrieb. Er durchlief die harte Trash-Schule eines Roger Corman, und 1970, als er hörte, Orson Welles sei in der Stadt, ging er ins Beverly Hills Hotel und bot seine Dienste an. Welles nahm an, und für den barocken, enigmatischen Mann wurde Graver so etwas wie das Standbein in der Realität. Sie begannen mit der Arbeit an "The Other Side of the Wind", Welles' legendärem, unvollendetem Film, sie drehten "F for Fake" in Europa. Graver war nicht nur Kameramann, er übernahm alle möglichen Funktionen, und der amerikanische Welles-Experte Jonathan Rosenbaum hat völlig recht, wenn er schreibt, Graver habe "im Grunde das letzte Drittel von Welles' Filmographie erst ermöglicht". Was immer Welles begann, Graver war dabei.

          Um Geld zu verdienen, arbeitete Graver an Dokumentationen über Billy Wilder oder die Harlem Globetrotters mit, er fotografierte das Spielfilmdebüt von Ron Howard "Grand Theft Auto", und unter dem Namen Robert McCallum führte er Regie bei ein paar Dutzend Filmen, die so schöne Titel wie "Wet & Slippery", "Maverdick" oder "The Joi Fuck Club" trugen. Vor allem aber war Gary Graver der Hüter eines verborgenen Schatzes, den er in seinem Haus im San Fernando Valley aufbewahrte. Ein uneitler Mann, der sich nicht mit Welles-Anekdoten brüstete, der sich hartnäckig unwichtiger machte, als er war. Unermüdlich arbeitete er daran, die komplizierte Rechtelage zu entwirren und aus Welles' Drehbuch und Montagenotizen eine Fassung von "The Other Side of the Wind" zusammenzustellen. Ein Jahr nach seinem Auftritt in Hamburg habe ich ihn noch mal getroffen, und weil er auch ein großzügiger Mann war, zeigte er da noch ein paar Tapes von apokryphen Welles-Auftritten. Nun ist Gary Graver im Alter von 68 Jahren gestorben. Sollte der Fernsehdeal zu "The Other Side of the Wind" zustande kommen, den er eingefädelt hatte, wäre das der Nachruf, den Gary Graver sich gewünscht hätte. PETER KöRTE

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