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Glosse Feuilleton : Höreraufschrei

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Millionen von Briten hören jeden Tag im Rundfunk den Seewetterbericht, obwohl sie weder mit der See zu tun haben noch wissen, was die kuriosen Namen und Ziffern bedeuten. Die Angaben über Windstärke, Witterung und Sicht werden wie ...

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          Millionen von Briten hören jeden Tag im Rundfunk den Seewetterbericht, obwohl sie weder mit der See zu tun haben noch wissen, was die kuriosen Namen und Ziffern bedeuten. Die Angaben über Windstärke, Witterung und Sicht werden wie eine Art Code vorgetragen, ohne Erklärung und einschränkende Bezeichnungen. Aber die Zuhörer lassen den eintönigen Rhythmus auf sich wirken wie eine Melodie, bis die einunddreißig Meere abgedeckt worden sind. Die Litanei hat eine seltsam fesselnde, beruhigende Wirkung; nicht ohne Grund hat man in diesem Zusammenhang von der "kalten Poesie der Information" gesprochen. Als der Name eines der Meeresgebiete von Finisterre in Fitzroy verändert wurde, gab es einen Aufschrei, und als die BBC die Zeit des abendlichen Rituals um fünfzehn Minuten zurücksetzte, empörten sich die Zuhörer, als sei ihnen persönlich ein Tort angetan worden. Wie sich jetzt herausstellt, haben die Briten eine ähnlich innige Beziehung zu der heiteren Melodie, die seit mehr als dreißig Jahren jeden Morgen um halb sechs den Übergang von World Service zum Tagesprogramm der BBC markiert. Es ist ein Potpourri vertrauter Volkslieder aus den vier Nationen des Vereinten Königreichs wie "Greensleeves", "Rule Britannia", "Scotland the Brave", "Londonderry Air" und "Men of Harlech", das in Auftrag gegeben wurde, um zu signalisieren, daß Radio 4 sich ans ganze Land richtet, nicht nur an den Südosten. Pikanterweise war der Komponist Fritz Spiegl ein österreichischer Emigrant, der 1939 mit seiner Familie in England Zuflucht fand. Da war er dreizehn Jahre alt und sprach kein Wort Englisch. Später fand er eine Einstellung als Flötist des Liverpool Symphony Orchestra und schrieb humorige Bücher über die Eigenarten der britischen Sprache. Seine Fantasie ist auch als eine Art Tribut an die Nation aufzufassen, die ihn aufgenommen hatte. Der Programmdirektor von Radio 4 will künftig auf die Kennmelodie verzichten, die Frühaufsteher sanft aus dem Schlaf holt. Den Zuhörern sei besser gedient mit einer "strammen" Nachrichtensendung. Dabei strahlt Radio 4 von sechs bis neun Uhr ein ununterbrochenes Programm zum Tagesgeschehen aus. Treue Hörer sind in heller Aufregung. Der Premierminister wurde in der Fragestunde des Parlaments um Stellungnahme gebeten, Schatzkanzler Gordon Brown, der seine Chancen auf die Nachfolge Blairs schwinden sieht und sich neuerdings als Verfechter von "Britishness" geriert, hat seine Empörung über die Änderung kundgetan, und im Internet werden Unterschriften gesammelt. Der Programmdirektor hat einen Nerv getroffen. Dabei geht es um mehr als das Nationalgefühl, als die Macht der Gewohnheit oder jene Anhänglichkeit, welche die Briten für ihre mitunter skurrilen Bräuche hegen. Vielmehr regt sich hier der Widerstand gegen einen von der Regierungsspitze bis in alle Institutionen hineingreifenden Prozeß, der den Bruch mit der Tradition erzwingt, ohne eine präzise Vorstellung dessen zu haben, was an die Stelle des Altbewährten treten sollte. Der Protest läßt sich auf die Formel bringen: "If it ain't broke, don't fix it." G.T.

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