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Glosse Feuilleton : Heilen mit Putin

  • -Aktualisiert am

Im russischen Nischni Nowgorod haben orthodoxe Christen eine Werbekampagne von Coca-Cola, die ihnen gotteslästerlich erschien, gekippt. Im Dorf Bolschaja Jelnja jedoch können sie gegen eine Sektenführerin nichts ausrichten: Sie schützt sich mit einer Ikone von Putin.

          Die Zauberkräfte, die Russland regieren, halten internationale Konzerne in Schach, manchmal aber auch die heimische orthodoxe Kirche. In Nischni Nowgorod haben orthodoxe Christen jetzt eine Werbekampagne von Coca-Cola, die ihnen gotteslästerlich erschien, gekippt. Im nahe gelegenen Dorf Bolschaja Jelnja jedoch können alle Bemühungen der Rechtgläubigen gegen eine provinzielle Sektenführerin nichts ausrichten - trotz bischöflichen Beistands: Die listige Pseudononne schützt sich mit einer Ikone von Putin.

          Matuschka Fotinja hieß im bürgerlichen Leben Swetlana Frolowa und saß wegen betrügerischer Geschäfte als Provianteinkäuferin für die Eisenbahn von Nischni Nowgorod anderthalb Jahre im Gefängnis. Danach erschien ihr die Muttergottes, und ein Geistheiler übertrug ihr seine therapeutischen Kräfte. Fotinjas Bet- und Wohnhaus war ursprünglich die Sommerresidenz eines Unternehmers aus Nischni Nowgorod, dem die fromme Dörflerin ihre Vision eröffnete, wonach der Bungalow zum Gotteshaus bestimmt ist. Er zeigte sich uneinsichtig, erlitt aber kurz danach einen schweren Unfall und überließ Fotinja sein Anwesen.

          Von Gott gesandt

          Dortselbst fand die Erleuchtete eines Morgens ein Präsidentenbildnis im Kaufhausstil, die Ikone des „heiligen Putin“, wie sie sagt, von Gott gesandt. Fotinja umgibt sich mit Frauen, deren Krankheiten sie heilt, die aber jenseits des geweihten Ortes angeblich wieder krank werden. Vergeblich kämpfen die Orthodoxen unter der Führung des Dorfpopen Jolkin gegen die Ketzer. Im Herbst organisierte Jolkin, durch Kräfte des Episkopats von Nischni Nowgorod verstärkt, eine Prozession, die Fotinjas Einsiedelei dreimal umrundete - ohne sichtbare Wirkung.

          Dafür konnte die russische Christenheit Nischni Nowgorod von Zaubereien, die sich als Coca-Cola-Plakate tarnten, befreien. Das Unternehmen hatte Getränkeverkaufskühlschränke mit Großaufnahmen örtlicher Kirchen und Kreuze bekleben und von der Silhouette einer riesigen Colaflasche einrahmen lassen. Die Cola-Kirchen-Collagen, die einige Denkmäler auf dem Kopf stehend abbildeten, trugen die Aufschrift „Wert der Tradition“ und sollten das kulturelle Erbe bewusstmachen, wie eine Konzernsprecherin erläutert.

          Doch entrüstete Gläubige beschwerten sich beim Gouverneur, beim Bischof und beim Staatsanwalt. Insbesondere die umgedrehte Abbildung sakraler Zeichen, so fanden sie, komme ihrer Verhöhnung gleich. Noch bevor der Staatsanwalt von Nischni Nowgorod seine Ermittlungsergebnisse bekanntgeben konnte, zog Coca-Cola die Kühlschrank-Kampagne zurück.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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