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Glosse Feuilleton : Handschriftenaffäre

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Genau betrachtet, hat die Landesregierung von Baden-Württemberg in einer Art Bescheidenheit - fast tragisch - ihre eigene Bedeutung unterschätzt. Oder noch genauer: wenigstens die der Kulturschätze im heutigen Land Baden, das früher ...

          Genau betrachtet, hat die Landesregierung von Baden-Württemberg in einer Art Bescheidenheit - fast tragisch - ihre eigene Bedeutung unterschätzt. Oder noch genauer: wenigstens die der Kulturschätze im heutigen Land Baden, das früher halt einmal die im innersten Europa gelegene Wiege der Kultur war. Da gibt man, so muß man sich in Stuttgart gedacht haben, für siebzig Millionen Euro ein paar mehr oder weniger berühmte Handschriften her, die sowieso fast keiner sieht, und bekommt dafür die ganze Anlage Salem, die alle enorm gut sehen können und gegebenenfalls auch begehen. Aber interessant: Plötzlich zeigte sich, daß solche Handschriften durchaus gespeichert sind in den Köpfen der Leute und also ganz unglaublich sichtbar werden können - und dieses global (was hier einmal wörtlich zu nehmen ist). Denn am Anfang hörte sich alles ziemlich gefährlich an: Man müsse die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe opfern, um den Erhalt von Schloß Salem zu sichern, das ja immer noch den badischen Markgrafen gehört - die ganze Aktion vor dem Hintergrund einer äußerst prekären Rechtslage, die zum ersten auch die Handschriften eigentlich dem Haus Baden gehören lasse und die zum zweiten das Land, gewissermaßen im Handumdrehen seines ehemals regierenden Hauses, schrecklich viel Kultur überhaupt kosten könnte. Seit zwei Tagen ist der Lack dieser argen Nachricht ab: Denn erstens scheint sich selbst bis in die Regierung von Ministerpräsident Günther Oettinger herumgesprochen zu haben, daß die Handschriften - und beileibe nicht nur sie - mit ziemlich hoher Sicherheit Eigentum des Landes Baden sind, weshalb es den Menschen draußen in diesem Lande und auch in der Welt, sogar in Württemberg, auf die Dauer schwierig plausibel zu machen war, daß man sie für eine Handvoll Euro herausgeben sollte, um Salem zu retten. Und zweitens ist das ganze Projekt Salem irgendwie aus dem Blick geraten, und alle reden plötzlich und eigentlich nur noch und unverschleiert vom Schuldenabbau, den das Haus Baden so dringend nötig hat. Aber jetzt: Was hat die Kultur im Land Baden im Innersten mit den Schulden der Markgrafen zu tun? Die Verbindung stellt die Landesregierung her, wenn schon nicht mit den Handschriften - die werden hoffentlich fortan in Ruhe gelassen und waren ohnehin ja für die "Kulturseiten" da, die jetzt hoffentlich Ruhe geben -, dann eben mit anderen Dingen aus dem Kulturetat: So wird der angekündigte, alternative Verkauf von Gegenständen aus den "Kunsteinrichtungen" schon zu verstehen sein (F.A.Z. von gestern). Weil aber jetzt schon wieder ein paar Fragen offen sind, wünschen wir uns für nächste Woche: Einblick in das Rechtsgutachten über die Eigentumsverhältnisse zwischen Land und Haus Baden, das die Regierung der Öffentlichkeit bisher nicht zeigen wollte, um dem Haus Baden keine Tips zu geben. Denn vielleicht ist am Ende von Rechts wegen gar kein Kulturgutopfer fällig für die Entschuldung der Markgrafen? rmg

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