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Glosse Feuilleton : Grieneisens Gang

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Noch nie vom alten Herrn Grieneisen gehört? In Berlin kennt ihn jedes Kind. Und ein Vertreter der älteren Semester vielleicht noch besser. Denn Grieneisen ist der Name des großen lokalen Bestattungsinstituts, dessen Filialen sich über ganz Berlin verteilen.

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          Noch nie vom alten Herrn Grieneisen gehört? In Berlin kennt ihn jedes Kind. Und ein Vertreter der älteren Semester vielleicht noch besser. Denn Grieneisen ist der Name des großen lokalen Bestattungsinstituts, dessen Filialen sich über ganz Berlin verteilen. Und mittlerweile gar darüber hinaus, denn die Zahl seiner insgesamt 230 Niederlassungen wäre sogar für die Großstadt etwas zu groß. Gutes Gespür hat der alte Herr Grieneisen gehabt im Jahre 1830, als er seine Tätigkeit aufnahm. Hofbestatter durfte sich das Unternehmen zu Hohenzollernzeiten nennen, und seine kundigen Fachkräfte sorgten dafür, daß niemand dem vielgeträllerten Wunsch, man wolle unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben, Taten folgen ließ. Zu Bundesrepublikzeiten betteten Grieneisens Mannen immerhin noch Marlene Dietrich, Hildegard Knef und jüngst erst Brigitte Mira zur ewigen Ruhe. Prominenz belebt das Geschäft: Manche Leute sollen viel Geld hinterlassen haben, als sie starben, und ihre Erben trugen dann ein gut Teil davon zum berühmten Herrn Grieneisen, auf daß der teure Tote angemessen unter die Erde komme. Der Umsatz betrug im Jahr 2004 satte fünfundsechzig Millionen Euro, und erfreuliche Wachstumsraten dürften dank der demographischen Entwicklung in Deutschland garantiert sein. Gut, die Leute werden immer älter. Aber wo es immer mehr Alte gibt, werden irgendwann auch immer mehr davon sterben, und dann geht's zu Grieneisen. Oder, genauer gesagt: zu Ahorn-

          Grieneisen, wie die exakte Firma lautet, die aber noch niemand jemals ausgesprochen gehört oder niedergeschrieben gesehen hätte. Bis jetzt. Denn Ahorn-Grieneisen drängt es an die Börse, und da ist Firmenwahrheit eines der oberen Gebote. Der Eigentümer des Beerdigungsinstituts, die Versicherungsgruppe Ideal, die mit dem Kauf von Grieneisen vor zwei Jahren dafür sorgen wollte, daß ein ordentlicher Teil der ausbezahlten Lebensversicherungen wieder zurück ins Unternehmen fließt, will fünfundvierzig Prozent des Bestattungsunternehmens zu Geld machen und mit dem Ertrag Pflegeheime bauen: Kapitalisten verstehen etwas von der Mühsal des Lebens. Die Verwertungskette jedenfalls ist lückenlos, und der Anleger weiß: Hier liegt er richtig. 2007 soll Grieneisens Gang aufs Parkett erfolgen, und auf den Emissionsprospekt mit der obligatorischen Tätigkeitsbeschreibung darf man gespannt sein. Es wäre aber auch schon schön, wenn man es bei Grieneisen endlich einmal mit freudig gestimmter Kundschaft zu tun hätte. Sind eben keine Geschäftsleute, man muß sie zu ihrem Glück zwingen. Und dieses Glück machen sollen sie mit dem Unglück anderer Leute - das ist Kapitalismus pur, ins Unvermeidliche gewendet. Gestorben wird immer, dieser Satz ist eine Bank. Den Bankier Grieneisen hat's trotzdem nie gegeben. apl

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