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Glosse Feuilleton : Ganz gestohlen

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Musik ist bekanntlich gestaltete Flüchtigkeit. In welch emphatischem Sinne ihre Kunst ungreifbar ist, darüber kann man sich heute, da die Allgegenwart der Schallplattenindustrie Illusionen universeller Verfügbarkeit weckt, leicht täuschen.

          Musik ist bekanntlich gestaltete Flüchtigkeit. In welch emphatischem Sinne ihre Kunst ungreifbar ist, darüber kann man sich heute, da die Allgegenwart der Schallplattenindustrie Illusionen universeller Verfügbarkeit weckt, leicht täuschen. Längst führt die Branche ein Eigenleben, und es gibt kaum einen Künstler, der sich ihren Marktgesetzen auf Dauer entziehen kann. Ein Sergiu Celibidache, der Tonaufnahmen für ein seiner Kunst prinzipiell zuwiderlaufendes, weil die Aura zerstörendes Verfahren hielt, ist heute nicht mehr denkbar. Nur auf dem Podium, ohne die CD zum Konzert, lässt sich keine Karriere mehr machen. Freilich hat das, was einem von der Platte entgegenschallt, mit dem, was man einmalig und unwiederholbar im Konzert erleben kann, wenig zu tun. Studioaufnahmen gleichen Frankensteins Geschöpfen, deren Nähte mehr oder weniger ansehnlich verheilt sind. Zwar sind nicht alle so besessene Exzentriker wie Glenn Gould, der seine Aufnahmen taktweise aus kleinsten Schnipseln zusammensetzte, doch geschnitten wird immer - selbst bei Live-Aufnahmen, die sich anhand von Mehrfachmitschnitten oder Nachaufnahmen optimieren lassen. Wenn also der Authentizität eines Tonträgers grundsätzlich nur bedingt zu trauen ist, so scheint der Schritt der 1928 geborenen englischen Pianistin Joyce Hatto, die seit 1977 infolge eines Krebsleidens nicht mehr öffentlich auftrat, dafür aber - mithilfe ihres Mannes, des Besitzers eines kleinen CD-Labels - um so fleißiger Platten herausbrachte, doch äußerst grenzwertig. Als die hierzulande unbekannte Künstlerin vor einem Jahr starb, hinterließ sie in England eine kleine Fan-Gemeinde. Ihr enormes CD-Werk galt als Geheimtipp. Wie das Fachmagazin Grammophone jetzt herausfand, sind mindestens vier der über hundert Einspielungen total gefälscht. Giorgio De Chirico soll einem Besucher in seinem Atelier einmal ein Bild von Rubens gezeigt haben. Auf die bewundernde Frage, ob das denn echt sei, habe De Chirico geantwortet: "Natürlich, ich habe es schließlich selbst gemalt." Die Anekdote ist ihrerseits erfunden von Vieri Tosatti, der als eine Art ghostwriter des Komponisten Giacinto Scelsi so manches schöne Stück geschrieben haben soll. Aber der Verweis auf wenigstens handwerkliche Urheberschaft hilft hier nicht weiter: Frau Hatto setzte nichts Eigenes zusammen, sie übernahm einfach das Material berühmter Kollegen - im Falle von Liszts "Études transcendentales" etwa eine bei BIS Records publizierte Interpretation von Lászlo Simon. Wie seufzte doch einst Felix Weingartner, Dirigent der Wiener Philharmoniker, zu seinem Freund, dem Komponisten Robert Fuchs, der ein begnadeter Plagiator war, nach der Aufführung einer Fuchs-Sinfonie? "Fuchs, die hast du ganz gestohlen." Füchsinnen tun's auch. spin

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