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Glosse Feuilleton : Es ist 2012

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Berlin eine Gletscherlandschaft oder eine Wüste? Das ist wie Pest oder Cholera. Wenn es so kommt, wie die Klimaforscher in Aussicht stellen, dann wird es wohl auf eine Wüste hinauslaufen - geistesgeschichtlich beileibe keine Neuigkeit.

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          Berlin eine Gletscherlandschaft oder eine Wüste? Das ist wie Pest oder Cholera. Wenn es so kommt, wie die Klimaforscher in Aussicht stellen, dann wird es wohl auf eine Wüste hinauslaufen - geistesgeschichtlich beileibe keine Neuigkeit. Benn, Bloch und natürlich Adenauer verbanden mit Berlin teilweise sehr öde Vorstellungen, wobei Benn ("Allein in deiner Wüste / in deinem Gobigraun / du einsamst, keine Büste, kein Zwiespruch, keine Fraun") trotzdem bis zuletzt dort wohnen blieb. Auch Schopenhauer hatte von der Stadt, in der er zwischen 1819 und 1831 mit Unterbrechungen wohnte, ziemlich die Nase voll und hier nur schlechte Erfahrungen gemacht: Er hatte sich habilitiert und sich beim Kolloquium von Hegel dumme Fragen anhören müssen; er war als Universitätslehrer auf ganzer Linie gescheitert, nicht zuletzt deswegen, weil er seine Vorlesungen auf denselben Termin wie Hegel legte, was ungefähr so ist, als wenn ein Fernsehsender eine seriöse Dokumentation über, sagen wir, die Klimakatastrophe zeigt, während im Zweiten "Wetten, dass ...?" läuft. Es erschien fast niemand zu diesen Vorlesungen, weil Hegel damals der absolute Superstar in Berlin war, miesmacherischer Pessimismus war hier nicht gefragt. Schopenhauer war auch sonst ziemlich isoliert: "kein Zwiespruch, keine Fraun", obendrein eine Anzeige wegen angeblicher Körperverletzung. (In der Tat war er bei einem nachbarlichen Streit handgreiflich geworden.) Die Umzugspläne bereits im Kopf, lernt er doch noch ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, mit dem er eine Bootsfahrt unternimmt. Die auf dem Wasser angebotenen Trauben entsorgt es diskret: "Mir war's eklig, weil der olle Schopenhauer sie angefasst hat, und da ließ ich sie so ganz sachte hinter mir ins Wasser gleiten." Das war also Berlin. Die Cholera, die hier 1831 ausbrach und der Hegel zum Opfer fiel, gab ihm den Rest: nichts wie weg! Den Winter 1831/32 verbringt er in Frankfurt, dann ist er für ein Jahr in Mannheim und überlegt, wohin jetzt? Vielleicht doch zurück nach Berlin? Dass er dies überhaupt in Erwägung zieht, lässt darauf schließen, dass er die persönlichen Kränkungen verarbeitet hat. Etwas anderes gibt den Ausschlag: "Diese große, gedrängte, unruhige Stadt, mitten in einer furchtbaren Sandwüste, kann mir nicht gefallen." Er geht endgültig nach Frankfurt, vor allem wegen des milderen Klimas, und wohnt hier von 1833 bis zu seinem Tod am 21. September 1860. Damals war das eine vernünftige Entscheidung: weder Pest noch Cholera. Jeden Tag ging Schopenhauer zwei Stunden und in auffallend straffem Tempo, unbehelligt von Sandstürmen, spazieren und nutzte obendrein die Möglichkeit, im Main zu baden, auch im Winter - das hätte Berlin ihm nicht bieten können. Aber mit einem Bad im Main ist es auch in Frankfurt inzwischen schwierig und mittelfristig wohl ganz unmöglich: Das Radio meldete unlängst, die Stadt plane, den Fluss von 2012 an mit Deichen zu versehen - wegen der Klimakatastrophe. edo.

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