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Glosse Feuilleton : Er ist wieder da

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Gerhard Schröder bringt Ende dieser Woche seine Memoiren auf den Markt, der branchenübliche Rummel drumherum (Vorabdrucke, Talkshows) hat gerade eingesetzt, das Buch müßte, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, in zwei, drei Wochen an der Spitze der Bestsellerliste angekommen sein.

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          Gerhard Schröder bringt Ende dieser Woche seine Memoiren auf den Markt, der branchenübliche Rummel drumherum (Vorabdrucke, Talkshows) hat gerade eingesetzt, das Buch müßte, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, in zwei, drei Wochen an der Spitze der Bestsellerliste angekommen sein. Gegenüber den Memoiren Alfred Bioleks, die auch gerade herausgekommen sind, haben Schröders Memoiren ein uneinholbares institutionelles Prä. Das Vermächtnis einer Kanzlerschaft ist kein Kann-Kind, sondern ein Selbstläufer. Bei Bio können die Leute sagen: Der Mann hat uns zwanzig Jahre lang genervt, warum soll ich mir das Ganze jetzt noch mal in Buchform antun? So einfach werden sie Schröder nicht abmeiern können. Der Mann ist ein institutionelles Schwergewicht, wie leichtfüßig er bis zum Ende seiner Tage auch herumturnen mag. Bio mag eine Institution gewesen sein, in jeder Hinsicht, kolloquial wie kulinarisch - und doch wäre es für ein Gemeinwesen, das alle Tassen im Schrank hat, schwer genießbar, wollte Bio nun versuchen, sich als ein Filetstück demokratischer Institutionengeschichte schmackhaft zu machen. Bei Schröder ist's im Zweifel umgekehrt: Er kann tun und lassen, was er will, kann die gebratenen Tauben vom Himmel seiner Kanzlerschaft herunterschreiben, kann mit geschichtsklitterndem Überschuß gern auch mal klecksen und rülpsen - stets bleibt er ein Filetstück demokratischer Institutionengeschichte, um das man festlich hüstelnd zu Tische sitzt. So weit, könnte man meinen, tafelt dieser Memoiren-Schreiber nicht anders als andere Alt-Kanzler, die von ihrem Amtsbonus zehren. Und doch liegen die Dinge bei Schröder anders. Wie bei keinem seiner Vorgänger ist sein Selbstbild davon geprägt, daß er ein Verfassungsorgan repräsentiert - und es gleichzeitig von den Rändern her lustvoll unterläuft, andere Verfassungsorgane mit sich reißend. Wir blättern, wenn wir die Memoiren in Händen halten, durch eine einzigartige Kanzlerschaft, im double bind gehalten zwischen Amtsträger und demolition man. Um ein vom Autor autorisiertes Bild zu gebrauchen: Schröder sieht sich gleichsam mit Parka und Jeans am Kabinettstisch sitzen, Handfeuerwaffe griffbereit, ein röhrender Auspuff am Dienstwagen, gelegentlich mit einem wilden "Hol's der Teufel, Diktatoren sind auch nur Demokraten" alle Dienstvorschriften über den Haufen rennend. Jedenfalls hat Schröder genau diese Lesart gestern vorgegeben. Am besten sei das Bild seiner Kanzlerschaft in der Gestalt des Schimanski aufgehoben, sagte er zum Auftakt seines Memoiren-Hypes in einem Interview mit der "Bild am Sonntag". Journalist: "Sollte das Buch einmal verfilmt werden, wer müßte Ihrer Meinung nach die Hauptrolle spielen?" Alt-Kanzler: "(denkt einen Moment nach) ,Ich glaube, Götz George wäre gut.'" Schröders Selbstbild ist gut durchdacht, im Zweifel ein ganzes Leben lang. Wer's nicht glaubt, muß lesen. gey

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