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Glosse Feuilleton : Ein Plagiat

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Ist der Baustofflieferant Erfüllungsgehilfe? Geben Sie zu, liebe Leserschaft, diese Frage hat Sie noch keine schlaflose Nacht gekostet. Mußte es auch nicht, denn sie ist ja durch Professor Axel Wirth von der TU Darmstadt im Jahrgang 1996 des Organs "Immobilien- und Baurecht" geklärt worden.

          Ist der Baustofflieferant Erfüllungsgehilfe? Geben Sie zu, liebe Leserschaft, diese Frage hat Sie noch keine schlaflose Nacht gekostet. Mußte es auch nicht, denn sie ist ja durch Professor Axel Wirth von der TU Darmstadt im Jahrgang 1996 des Organs "Immobilien- und Baurecht" geklärt worden. Obwohl: Ob er es wirklich selber war, steht dahin. Dazu gleich. Ersetzen wir erst einmal "Baustoff" im Titel seines Beitrags durch "Textbaustein". Dann wird es nämlich komplizierter, und in Darmstadt dürften darum gerade einige Nächte schlaflos verbracht werden. Denn Professor Wirth hat mit seinem Namen in einem Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) für Abschnitte gezeichnet, die sich inzwischen als Plagiat erwiesen haben. Ausgerechnet aus dem Klassiker dieser Gattung, dem "Palandt", war teils wörtlich abgeschrieben worden (F.A.Z. vom 29. September). Der Verlag stoppte den Nachdruck, die Herausgeber beauftragten für die Neuausgabe einen anderen Kommentator. Professor Wirth aber wehrt sich, und der Prüfbericht seiner Universität springt ihm bei: Das Plagiat sei das Verschulden eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Dessen Name steht zwar zusammen mit dem des Professors nur für 27 von hundert Seiten des inkriminierten Kommentars, doch besonders auffällige Bausteinübernahmen finden sich auch in den allein vom Professor verantworteten Abschnitten zum Werkvertragsrecht. Nun ist nicht überall und in Einzelfällen sogar nie Professor X. drin, wo Professor X. draufsteht. Es sei, so der Darmstädter Prüfer, wissenschaftlicher Usus, Mitarbeiter mit der Erstellung von Texten zu beauftragen - und sie, wäre zu ergänzen, dann trotzdem nicht als Autoren zu erwähnen. Schwindel ist also üblich. Das führt zur Frage, ob der Textbausteinlieferant Erfüllungsgehilfe ist. Zur Erinnerung: Das Konzept des Erfüllungsgehilfen gibt es, weil nach Paragraph 276 BGB jeder, der eine Leistung schuldet, nur seine eigenen Pflichtverletzungen zu vertreten hat. Recht so, warum sollte man für andere den Kopf hinhalten müssen? Aber dann könnte sich ja, wer eigene Pflichtverletzungen nicht vertreten möchte, einfach anderer Personen bedienen, um alle Mängel auf sie zu schieben. Darum heißt es in Paragraph 278: "Der Schuldner hat ein Verschulden ... der Personen, deren er sich zur Erfüllung seiner Verbindlichkeit bedient, in gleichem Umfang zu vertreten wie eigenes Verschulden." Weniger allgemein: Der Spezialist für Baustofflieferungen kann sich nicht auf einen Textbausteingehilfen herausreden. Um so weniger, als der das Material nicht von entlegenen Baustellen entwendet hat, sondern aus einem Buch, das auf dem Schreibtisch des Professors steht. Nun muß der Professor erklären, er habe die bekanntesten Formulierungen seines Kommentargebiets nicht wiedererkannt, als der Erfüllungsgehilfe sie anlieferte. Das spricht noch für eine andere, aber mindestens so tiefe Krise der akademischen Textbauindustrie. kau

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