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Glosse Feuilleton : Durchgefallen

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Uff, es ist geschafft! Nordrhein-Westfalen hat sein erstes Zentralabitur geschrieben, wieder ein Meilenstein auf dem Weg aus der Bildungsmisere. Am Montag ging es los mit Deutsch, Texte von Enzensberger, Hofmannswaldau, Brecht, Rilke, ...

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          Uff, es ist geschafft! Nordrhein-Westfalen hat sein erstes Zentralabitur geschrieben, wieder ein Meilenstein auf dem Weg aus der Bildungsmisere. Am Montag ging es los mit Deutsch, Texte von Enzensberger, Hofmannswaldau, Brecht, Rilke, Fontane, Schlink, Keun und Sahl boten eine reiche Interpretationsauswahl. Das Premierenfieber war bis hinauf zur Ministerin gestiegen: "Ich hatte große Sorge vor technischen Problemen, aber die haben sich nicht bestätigt", gestand Barbara Sommer der Presse erleichtert. Tja, die Technik, die muss funktionieren, das ist das Wichtigste, nur minimale Probleme seien beim Herunterladen der Themen aus dem Internet aufgetreten und bei der eigens geschalteten Hotline "zwischen achtzig und hundert Anrufe" eingegangen, ergänzte ein Mitarbeiter, und das sei bei mehr als achthundert Schulen "so gut wie nichts". Auch für die Lehrer wurde es spannend, erstmals hatten nicht sie die Aufgaben gestellt, sondern sie mit den Schülern Punkt neun zu Gesicht bekommen. Einem Oberstudienrat in Bonn ist da gleich etwas aufgefallen, nicht nur, dass Christian Hofmann von Hofmannswaldau entgegen den Quellen durchgängig mit zweimal Doppel-F geschrieben wurde, das mag im Barock ja noch angehen, nein, dessen Gedicht "Vergänglichkeit der Schönheit", das wir auf dieser Seite dokumentieren, ließ ihn stutzen. Denn, merkwürdig, in dem Katalog der erotischen Reize, den das Sonett der Angebeteten nach petrarkistischem Muster als endlich vorhält, stand: "Das Haar, das, das itzund kann des Goldes Glanz erreichen, / Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeinsam Band". Wie bitte? Warum "gemeinsam", ist nicht "gemeines Band" richtig? Der Blick in zwei Ausgaben bestätigte den Verdacht, "gewöhnlich, allgemein" erläutern manche Schulbücher in einer Fußnote, denn zu einem, salopp gesagt, ordinären Band wird die mächtige Zeit das Haar bleichen, das jetzt noch "Goldes Glanz" besitzt. "Gemeinsam" dagegen entstellt den Sinn. Umgehend kopierte der Deutschlehrer die richtige Fassung des Gedichts, um sie, mit einem Protokollvermerk versehen, den Abiturienten nachzureichen. Vorher verständigte er noch den Schulleiter, der, denn nur der darf das und kennt die Nummer, die Hotline in Düsseldorf anrief, damit der Fehler landesweit korrigiert würde. Doch wie reagierte die "Beratungsstelle"? Die Aufgabe stamme aus Bayern, beschied sie, wo sie vor ein paar Jahren gestellt worden sei, und auch wenn da etwas falsch wäre, würde nichts geändert. Basta! Hatte das Ministerium doch schon vorab verlautbart, dass die Themen diesmal von einer Kommission ausgebrütet wurden, in der "Schulleiter, Fachlehrer, Wissenschaftler und Schulaufsichtsbeamte" sitzen: "Bei dieser Mischung", so ein Sprecher, "konnte eigentlich nichts schiefgehen." Sollte man meinen und meinte wohl auch die Kommission, die, sicher ist sicher, einfach beim Klassenprimus aus Bayern abgekupfert hat. So hat das neue Zentralabitur schon den ersten Durchfaller. Ehrenrunden sehen anders aus. aro.

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