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Glosse Feuilleton : Dienstautoren

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Die Unschuld ist weg. Nach dem großen Schleichwerbungsskandal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk schaut man anders fern als zuvor. Jedes ins Krimibild gesetzte Feierabendbier weckt Verdacht, jeder chromglitzernde Kühler samt Herstellerlogo hat seine filmische Natürlichkeit verloren.

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          Die Unschuld ist weg. Nach dem großen Schleichwerbungsskandal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk schaut man anders fern als zuvor. Jedes ins Krimibild gesetzte Feierabendbier weckt Verdacht, jeder chromglitzernde Kühler samt Herstellerlogo hat seine filmische Natürlichkeit verloren. Was nun? Angriff sei immer noch die beste Verteidigung, dachten sich pfiffige Werbefachkräfte eines Ingolstädter Autobauers und engagierten namhafte Schriftsteller für den feuilletonistischen Mehrwert ihres Geschäftsberichts 2005. Es ist ja das Versteckte, die heimlich ins Bewußtsein tröpfelnde Werbebotschaft, die verstimmt - offene Käuflichkeit dagegen erntet Anerkennung: Die trauen sich was. Nach all dem Lamento über die Kommerzialisierung der Welt nun also eine Literarisierung der Ökonomie, eingeleitet von Donna Leon und Paulo Coelho. Dem Text des Brasilianers glaubt man die Trauer darüber anzumerken, daß Santiago, der Held seines Erfolgsromans "Der Alchimist", so fürchterlich unkomfortabel gen Ägypten reisen mußte - was wäre das mit einem "Allroad quattro" für ein furioses Unternehmen geworden; leider wohl auch ein dünnes Buch. "Ich blicke zum Wagen, der einige hundert Meter weiter steht", schreibt Coelho. "Ja, ich kann zu ihm gehen und mich zur Abtei begeben" - wie bitte? Der Roadster als Hort des Glaubens? Nein, es geht wohl nur um die Unterbringung des Wagenlenkers. Dafür steht die penetrante Blitz-und-Donner-Metaphorik des eigens für den Geschäftsbericht hingeschluderten Textchens recht unzweideutig in Zusammenhang mit der zuvor mit Zahlen und Bildern ausgeleuchteten motorisierten Rasanz. Und selbst die allem Technischen nach eigener Aussage abholde Donna Leon ließ sich nicht lumpen und steuerte einen kleinen Essay über die Rolle von Beweglichkeit und Mobilität in Romanen bei: "Die großen Romane der Weltliteratur", so die Brunetti-Schöpferin, "sind voll von Beispielen der Fortbewegung, die mehr bedeutet, als daß jemand von A nach B gelangt." Also ganz wie im A8? Da plappern sie also, wohlbezahlt, diese Schriftsteller, und lassen einen zuvor nie gehegten Verdacht keimen: Gibt es diese köstlichen Synergieeffekte von Geist und Tat, von Dichter- und Kaufmannstum nicht vielleicht schon viel länger, nur eben unbemerkt, weil sich niemand um Schleichwerbung scherte? War der "Zauberberg" etwa eine geschickt getarnte Werbebroschüre für die Davoser Sanatorien? Oder war das Hauptwerk von Günter Grass ein product placement eines Trommelherstellers? Man sei als Autor innerlich Abenteurer genug, da solle man sich wenigstens äußerlich mit Komfort ausstatten, wußte schon Tonio Kröger. Donna Leon und Paulo Coelho hätten sich dies wohl auch ohne ihre kleine Auftragsarbeit leisten können. till

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