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Glosse Feuilleton : Die Wohltat

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Teilt man die Skala der Berufe nach ihrem Entfremdungsgrad ein, so ergibt sich ein klares Bild. Am einen Pol der Skala, der den geringsten Entremdungseffekt bezeichnet, liegen der Feuilletonist, der Goldschmied und der Märchenerzähler.

          Teilt man die Skala der Berufe nach ihrem Entfremdungsgrad ein, so ergibt sich ein klares Bild. Am einen Pol der Skala, der den geringsten Entremdungseffekt bezeichnet, liegen der Feuilletonist, der Goldschmied und der Märchenerzähler. Leute, die einen von diesen drei Berufen innehaben, sind erkennbar glückliche Leute. Der Tribut an Entfremdung, den sie dem Betrieb, in dem sie wirken, zu leisten haben, ist denkbar gering. Die Betriebsleiter von Feuilletonisten, Goldschmieden und Märchenerzähler wissen, wenn sie klug sind: Man muss diese Leute nur machen lassen, muss sie nur ihren eigenen Ausdruck finden lassen, dann kommt schon etwas Gescheites heraus. Es ist die große Freiheit Nummer sieben, die Feuilletonisten, Goldschmiede und Märchenerzähler veranlasst, aus ihrem Beruf eine Lebensform zu machen und ganz kirre vor Freude darüber zu sein, dass sie nicht nur das denken dürfen, was sie denken wollen (geschenkt!), sondern schreiben, schmieden und erzählen dürfen, was sie denken, und damit auch noch Geld machen. Zum Beispiel auf dem internationalen Kongress der Europäischen Märchengesellschaft, der gerade im thüringischen Altenburg um das Thema "Burg und Schloss, Tor und Turm im Märchen" kreist. In verwunschenen Ein- und Ausgangsreferaten wird dort von Dornröschen und Rapunzel erzählt, von mächtigen Burgen und prächtigen Schlössern, von verschlossenen Toren und himmelhohen Türmen. Und aus jedem der in Altenburg versammelten Märchenerzähler jubelt es still heraus: Mein Gott, wie märchenhaft, dass ich hier all den wundersamen Geschichten Tür, Tor und Turm öffnen darf, die ich von klein auf in meinem Herzen trage. Der Vorteil dieser Geschichten ist ja, dass sie ihren Zauber auch dann nicht verlieren, wenn der Glaube an sie geschwunden ist. Auch wer nicht mehr daran glaubt, dass in diesem Turm Rapunzel wohnt und in jenem Schloß Dornröschen, wird sich an der märchenhaften Welt, die ihm in Altenburg entgegentritt, nicht satthören können. Es ist deshalb nichts Entfremdendes dabei, aus dem Märchenforscher einen Beruf zu machen und seine materielle Existenz an die Rapunzels und Dornröschens zu knüpfen. Doch wehe jenem Berufstand, der am anderen Ende der Entfremdungsskala residiert. Die Theologen, die zeitgleich mit dem Märchenkongress in Fulda tagen, können sich nicht so wunderbar aus der Affäre ziehen wie die Märchenerzähler. Ist ihr Glaube geschwunden, ist der ganze Zauber dahin. Dann rächt sich, dass sie aus ihrer Konfession einen Beruf gemacht haben, dass sie ihr Einkommen, ihr standing an ihren Glauben gebunden haben. Dann empfände es manch einer von ihnen als Wohltat, könnte er sein Referat statt in Fulda flugs in Altenburg halten. Aber ach, Tor und Turm bleiben ihm dort verschlossen und draußen ist nur dies: Heulen und Zähneklappern. gey

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