https://www.faz.net/-gqz-u5lk
 

Glosse Feuilleton : Die "Spiegel"-Sause

  • Aktualisiert am

Wenn wichtige Persönlichkeiten zu wichtigen Veranstaltungen kommen, werden sie meist auch richtig wichtig genommen. Keinesfalls müssen sie sich dort anstellen, wo der normalsterbliche Gast um Eintritt begehrt.

          Wenn wichtige Persönlichkeiten zu wichtigen Veranstaltungen kommen, werden sie meist auch richtig wichtig genommen. Keinesfalls müssen sie sich dort anstellen, wo der normalsterbliche Gast um Eintritt begehrt. Ohne Umschweife bringt man sie mitten hinein in das Getümmel. Hans-Dietrich Genscher kennt diese Vorzugsbehandlung nur zu gut aus seiner Zeit als Außenminister. Diese Zeit liegt freilich lange genug zurück, um nicht mehr automatisch auf verflossene Sonderrechte, und seien sie noch so angenehm, zu pochen. Daher also stellte sich Genscher nebst Gattin brav in die Schlange, die sich am Montagabend vor dem Kaispeicher B in der Hamburger Speicherstadt gebildet hatte. Er und 2000 weitere Menschen wollten zur großen Jubiläums-Sause des "Spiegel", der in der vergangenen Woche sechzig Jahre alt geworden ist. Gästeliste hin oder her - der Andrang schien die Organisatoren irgendwie überrascht zu haben. Vor dem Eingang bildete sich eine fast hundert Meter lange Schlange, was an diesem nasskalten Abend nicht nur Herrn Genscher irritierte. Doch die meisten behielten die Contenance. "Gehen Sie ruhig vor. Sie dürfen das", riet eine "Spiegel"-Redakteurin dem fröstelnden Genscher. Und der tat, wie ihm beschieden. Wer den Engpass am Einlass, der allein der zu schmal besetzten Garderobe geschuldet war, überwunden hatte, wurde belohnt mit einem lockeren Fest auf vier Etagen und allerlei Leckereien. Lange Reden wurden nicht geschwungen. Der Journalist, so Chefredakteur Stefan Aust in seiner kurzen Ansprache, sollte sich nicht zu wichtig nehmen. Er erinnerte an den "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, der nach der Spiegel-Affäre gesagt hatte: "In der Ära Adenauer waren wir das Sturmgeschütz der Demokratie, mit verengten Sehschlitzen. Im ärgsten Kampfgetümmel, wo man uns manche Hafthohlladung appliziert hatte, erreichten wir nicht entfernt die Wirkung wie in dem Moment, da man uns wie mit einem Netz auf den Trockenboden schleppte und die Armierung zu demontieren gedachte." So vollständig und also einen gewissen ironischen Unterton verratend, hat man das Augstein-Zitat selten gehört. Der Magazingründer, sagte Aust weiter, habe in der Satzung die strenge Trennung zwischen Redaktion und Verlag festgeschrieben - "und die Unabhängigkeit der Redaktion auch von Weisungen der Gesellschafter". Das durfte man als Seitenhieb mit Verweischarakter auf den neuen Geschäftsführer Mario Frank verstehen, mehr noch aber auf die Führung der Mitarbeiter-KG, die federführend ihn im vergangenen Jahr anstelle von Karl Dietrich Seikel auf den Posten gehoben hatte. Doch dann wurde gefeiert, und zwar nicht nur mit der Prominenz, sondern mit allen, die beim "Spiegel" arbeiten. Der Hamburger Musiker Jan Delay verwandelte mit seiner Funk-Combo den Speicherboden in eine Hüpfburg. Die letzten Tänzer sollen um sechs Uhr morgens nach Hause geschickt worden sein. rit.

          Topmeldungen

          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.
          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.