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Glosse Feuilleton : Die Marktführer

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Es war Mark Twain, der die Wahrheit als unser kostbarstes Gut bezeichnete und empfahl, möglichst sparsam damit umzugehen. Nirgendwo dürfte diese Maxime auf fruchtbareren Boden gefallen sein als bei den deutschen Kultusministern, den Weltmarktführern in Sachen Einfalt und Schamlosigkeit.

          Es war Mark Twain, der die Wahrheit als unser kostbarstes Gut bezeichnete und empfahl, möglichst sparsam damit umzugehen. Nirgendwo dürfte diese Maxime auf fruchtbareren Boden gefallen sein als bei den deutschen Kultusministern, den Weltmarktführern in Sachen Einfalt und Schamlosigkeit. Hatten die Kultusminister den Schülern, Eltern und Lehrern nicht versprochen, daß zum 1. August eine verbindliche Rechtschreibung in Kraft treten würde, die alle Unsicherheiten beseitigen sollte? Statt dessen hat die Kultusministerkonferenz nach ihrer Sitzung am Freitag einen Torso präsentiert: Die neue Rechtschreibung wird zum Stichtag in weiten Teilen verbindlich, aber die besonders gewichtigen Bereiche der Getrennt- und Zusammenschreibung bleiben davon vorerst ausgenommen. Am selben Tag hat der von den Kultusministern eingesetzte Rat für Rechtschreibung beschlossen, für diese Bereiche die Rückkehr zu den bewährten Regeln zu empfehlen. Und noch schlimmer: Die Kultusminister erklärten die "unstrittigen Teile" des Regelwerks für verbindlich, während ihre Experten ankündigten, sich in den nächsten Sitzungen ebendieser Bereiche annehmen zu wollen. Denn es gibt keinen nennenswerten Bereich dieses Reformwerks, der nicht umstritten wäre. Diese Tatsache läßt sich von keinem Kultusminister aus der Welt lügen. Wie aber ist dieses ans Wahnhafte grenzende Narrenspiel der Minister zu erklären? Zunächst die gute Nachricht: Es läßt sich erklären, denn es waltet Kalkül in ihm. Und die schlechte Nachricht? Dieses Kalkül ist von größter Infamie. Die Kultusminister haben geglaubt, sie hätten mit dem Rat für Rechtschreibung ein willfähriges Instrument geschaffen. Mehrheitlich besteht der Rat, der Beschlüsse nur mit Zweidrittelmehrheit fassen kann, aus den Konstrukteuren der Reform. An seine Spitze wurde mit Hans Zehetmair ein Kollege berufen, der als ehemaliger Kultusminister Bayerns die Reform selbst über Jahre befördert hatte. Was sollte da noch passieren? Zehetmair hat das wahrlich unbequeme Amt des Ratsvorsitzenden jedoch aus einem Motiv übernommen, das offenbar jenseits der Vorstellungskraft seiner Politikerkollegen liegt: Er möchte eine Fehlentwicklung, an der er beteiligt war, zum Besseren wenden. Und der Rat hat den Mut und die Kraft gefunden, ihm auf diesem Weg zu folgen. Was tut in dieser Situation die KMK? Sie verkündet ihre konterkarierenden Beschlüsse, während der Rat noch tagt. Deutlicher kann man die Geringschätzung eines Gremiums nicht demonstrieren. Aber es geht um mehr als nur Geringschätzung: Die Kultusminister wollen den Rat zermürben und desavouieren, bevor er in der Öffentlichkeit jene Position einnimmt, die ihm die Minister selbst einmal zugedacht hatten. Der Rat sollte die Entwicklung der deutschen Sprache und ihres Gebrauchs beobachten und kommentieren und die Kultusministerkonferenz in ihren Beschlüssen beraten. Die Legitimation, die er dazu benötigt, kann ihm nicht verliehen werden, sie will erworben sein. Genau dies wollen die Kultusminister nun verhindern, denn ein Gremium, das nicht nach ihrer Pfeife tanzt, darf es nicht geben. Drei Befunde liegen seit dem Wochenende auf dem Tisch. Erstens: Die Einheit der Rechtschreibung wird auch nach dem 1. August nicht gegeben sein, nicht im Bereich der Schulen, geschweige denn in der Öffentlichkeit. Zweitens: Der Rat für Rechtschreibung hat bewiesen, daß er zu unabhängiger und konstruktiver Arbeit fähig ist. Drittens: Die Kultusministerkonferenz ist und bleibt eine Versammlung blindwütiger Flickschuster. igl

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