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Glosse Feuilleton : Der Nobelpreisskandal

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Eines der achtzehn Mitglieder der Schwedischen Akademie, die morgen den nächsten Nobelpreis für Literatur vergeben werden, hat seine Mitgliedschaft niedergelegt mit der Begründung, der Preis an Elfriede Jelinek im Vorjahr habe "den Wert der Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört".

          Eines der achtzehn Mitglieder der Schwedischen Akademie, die morgen den nächsten Nobelpreis für Literatur vergeben werden, hat seine Mitgliedschaft niedergelegt mit der Begründung, der Preis an Elfriede Jelinek im Vorjahr habe "den Wert der Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört". Der zweiundachtzig Jahre alte Schriftsteller Knut Ahnlund hatte ohnehin nicht mehr an den Beratungen mitgewirkt, hat jetzt aber seine Mitgliedschaft förmlich beendet: wiewohl die Mitglieder, meist Autoren und Professoren, auf Lebenszeit gewählt sind und ihr Amt nach dem Selbstverständnis der Akademie nicht selbst niederlegen können. Knut Ahnlund war 1983 in die Akademie gewählt worden. Schon zuvor hatte der Hochschullehrer für nordische Sprachen ihr als Berater gedient. Er rügte schon bei anderer Gelegenheit, daß sie ihre Beratungen und Abstimmungen fünfzig Jahre lang geheimhält. Ihre Schweigepflicht sei lächerlich. Ahnlund hatte seine Mitarbeit 1996 eingestellt nach einem Streit mit dem damaligen Sekretär der Akademie, dem er selbstherrliches Handeln vorwarf. Zwei weitere Stühle blieben seit 1989 leer, als zwei Schriftsteller dagegen protestierten, daß die Akademie zum Fall Rushdie schwieg. Kritiker werfen der 1786 gegründeten Akademie vor, sie setze bei der Berufung ihrer Mitglieder auf "Mittelmaß". Im Ausland sind drei bekannt, die Schriftsteller Torgny Lindgren und Per Wästberg sowie der Sekretär Horace Engdahl. Die Akademie mit Sitz am schönsten Platz der Stockholmer Altstadt oberhalb des Nobelmuseums - dort finden auch die Lesungen des Preisträgers statt - vergibt neben dem 1901 erstmals verliehenen Literaturnobelpreis weitere Preise etwa für Sprachpflege und für schwedische Autoren. Zudem gibt sie ein Schwedisches Wörterbuch heraus, ein Jahrbuch, die Literaturzeitschrift "Artes" sowie eine preiswerte Serie schwedischer Klassiker. In einem Beitrag für das "Svenska Dagbladet" erhob Ahnlund gestern den Vorwurf, daß nur ein Bruchteil der Akademiemitglieder ein Buch Jelineks gelesen habe, der er eine "monomane und einspurige Autorschaft" mit "parasitärem Charakter" vorhält. Ihr Werk sei eine "Textmasse ohne eine Spur künstlerischer Struktur", aber voll "lustloser Gewaltpornographie". Menschenschilderungen außer der Beschreibung des Körpers fehlten. Der Umfang ihres OEuvres stehe in "verheerendem" Kontrast zum Fehlen von Ideen oder Visionen - auf Hunderten von Seiten werde nichts gesagt. Seit der Verleihung vor knapp einem Jahr sei die "Rakete in einem verwirrten Kulturumfeld in Europa verdampft". Wen er auch frage, niemand habe Jelinek gelesen - meist sei die Reaktion Schweigen, Unlust, Ausflüchte. Ahnlund spottet über eine "überrumpelte und immer opportunistischere literarische Welt", die die Preisträgerin ahnungslos gepriesen habe. Diese Haltung breite sich auch bei anderen Preisen - benannt nach Heinrich Böll, Georg Büchner, Stig Dagerman - aus und in vielen Massenmedien mit ihrer Hervorhebung von Reality-Seifenopern. Wo die offizielle Preisbegründung bei Jelinek den "musikalischen Fluß ihrer Stimmen" rühmte, vernimmt der Oberkritiker nur trockene Kakophonie. Zumindest einmal seit Beginn seiner Politik des leeren Stuhls, die nun im Austrittsbegehren gipfelte, nahm Ahnlund an den Sitzungen teil: bei der Einführung des Historikers Peter Englund in die Akademie 2002, die er zu billigen schien. Der Akademiesekretär Engdahl nannte Ahnlunds Artikel gestern eine "Pseudoneuheit". In der Tat war die Behauptung, durch Mode-Ideologie und Opportunismus habe die Akademie den Nobelpreis für die absehbare Zukunft zerstört, schon seit 1997 in der Welt - seit der Preisvergabe an Dario Fo. vL.

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