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Glosse Feuilleton : Charakterfrage

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Der Kritiker sitzt mit etlichen Schriftstellern in fröhlicher Runde und stellt ganz harmlos folgende Frage: Sagen Sie mal, ganz ehrlich und der Reihe nach, was halten Sie eigentlich selbst von Ihren Büchern? Stille tritt ein, augenblicklich, eisig.

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          Der Kritiker sitzt mit etlichen Schriftstellern in fröhlicher Runde und stellt ganz harmlos folgende Frage: Sagen Sie mal, ganz ehrlich und der Reihe nach, was halten Sie eigentlich selbst von Ihren Büchern? Stille tritt ein, augenblicklich, eisig. Dann wacht der Kritiker auf, reibt sich den Schlaf aus den Augen und blickt auf das Buch, über dem er eingeschlafen war. Ein Traum, das Ganze, natürlich, denn kein Mensch käme auf die Idee, Schriftstellern solche Fragen zu stellen. Außer, ja außer er wäre selbst ein Schriftsteller wie zum Beispiel Zadie Smith, die mit bislang drei Romanen zum gefeierten Jungstar der britischen Literaturszene aufgestiegen ist. Zuletzt hat sie zwei Akademikerfamilien aus England und Amerika aufeinander losgelassen und ihrem Roman den Titel "Von der Schönheit" gegeben. Jetzt bekennt sie unter der Überschrift "Scheitere schöner!" (Fail better) in einem Essay im "Guardian", dass sie die böse Frage einer Reihe von Kollegen per E-Mail gestellt hat. Ihr ging es dabei vor allem um die Kriterien, mit denen Autoren ihre eigenen Werke beurteilen. Das Ergebnis fiel offenbar recht dürftig aus, denn trotz zugesagter Anonymität kann Zadie Smith kaum eine nennenswerte Antwort zitieren. Also tut sie, worauf der Kritiker in der Regel auch angewiesen ist, und beantwortet sich die eigenen Fragen selbst. Das Ergebnis ist erstaunlich: Das wichtigste Kriterium, das für Zadie Smith über den literarischen Wert eines Buches entscheidet, ist Wahrhaftigkeit. Je treuer ein Autor sich in seinem Werk geblieben sei, desto größer und bedeutender seien seine Bücher. Dass der Begriff der Treue hier durchaus moralisch gemeint ist, zeigt der Hinweis, dass eine falsche ästhetische Entscheidung des Autors oft eine ethische Dimension habe, weil ihr Betrug oder Verrat an sich selbst zugrunde liege. Gutes Schreiben, sagt Zadie Smith mit der fröhlichen Selbstgewissheit des gefeierten Jungstars, sei eben doch auch eine "Frage des Charakters". Dann möchte die Schriftstellerin noch wissen, warum eigentlich so wenig über den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit eines Autors und seinen literarischen Fähigkeiten gesprochen werde. Ja, warum eigentlich? Die Antwort ist ganz einfach: Wir reden ja auch nicht über den Zusammenhang, der womöglich zwischem einem misslungenen Essay und der Persönlichkeit einer literarisch talentierten jungen Autorin bestehen könnte. igl

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