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Glosse Feuilleton : Angela Poppins

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Es war Ende der sechziger Jahre, da genügte ihre schwarze, auf roten Samt gebettete Hornbrille auf einem namenlosen Plakat, um tout Paris wissen zu lassen, dass Nana Mouskouri im Olympia gastierte. Ihr wiederum genügten 1986 drei ...

          Es war Ende der sechziger Jahre, da genügte ihre schwarze, auf roten Samt gebettete Hornbrille auf einem namenlosen Plakat, um tout Paris wissen zu lassen, dass Nana Mouskouri im Olympia gastierte. Ihr wiederum genügten 1986 drei Auftritte mit randlosen tropfenförmigen Gläsern, um zu merken, dass eine Mouskouri einzig mit dem zeitlosen schwarzen Gestell die Mouskouri sein konnte. Reumütig setzte sie das altgediente Gerät zurück aufs Griechenprofil, um es nie wieder abzulegen. Welcher Teufel hat also Angela Merkel respektive ihre Stilberater geritten, als sie ausgerechnet für ihre Fernsehansprache zum Jahreswechsel eine neue Brille aufsetzte? Das weinrote, Quetschfalten werfende und die Schultern auf Miniaturgröße pressende Samtjäckchen à la "treuer Heinrich" hätte man ja noch durchgehen lassen; ebenso das elfenbeinweiße Kettchen, das wirkte, als hätte sie versehentlich ins Schmuckkästchen ihrer Teeniejahre gegriffen. Aber dieses Nickelgerät, das zunächst an Mary Poppins und dann an Norbert Blüm denken ließ? Seinerzeit machte der damalige Arbeitsminister Furore mit der Lust am häufigen Wechsel der Augengläser. Mal biedermännisch, mal sportiv, mal tiefgründig, mal frech - so lugte er durch immer überraschend neue Sehhilfen. Zahlte jedes Mal die Kasse? Dann kam sein Fall, und seitdem verbindet sich der Name Blüm mit dem Wort von der "Rentenlüge". Wer, wie unsere Kanzlerin, für Reformwillen, gepaart mit Solidität, stehen möchte, standhaft und doch experimentierfreudig wirken will, sollte ein Blüm-Modell meiden wie der Feuerteufel das Löschwasser. Besser, Frau Merkel und ihre Imagepfleger hätten sich rückbesonnen auf das Gründungswort der CDU, Adenauers "Keine Experimente". Es mag im Wirtschafts- und Sozialsektor noch überholter sein als Blüms "Die Renten sind sicher". Im Bereich der Massenpsychologie aber hat diese Maxime noch immer ihre Gültigkeit. Aus dieser Perspektive sind Nana Mouskouri und Angela Merkel Kolleginnen. Oder auch Königin Elisabeth II.: Im Jahr 1952 legte sie ihre Frisur und ihre Garderobe fest und wich seither keinen Millimeter von diesem Erscheinungsweg. Anfangs haben wir sie deswegen bespöttelt, heute verneigen wir uns in Respekt, wenn sie zum tausendsten Mal als wandelnde Säule im ewig gleichen Chiffon-, Seide-, Tüll- und Brokatrausch Empfänge gibt oder das Parlament eröffnet. Wenn sie dann zur Brille greift, die ausschaut, als wäre sie vor einem halben Jahrhundert handgeschmiedet worden, sind wir gerührt. Deshalb wären wir erleichtert, griffe Angela Merkel zurück auf ihre gewohnte rand- und zeitlose Brille, um durch sie hindurch in die Reformzukunft zu schauen. Die neue Nickelbrille jedenfalls passte höchstens zum irritierend gouvernantenhaften Rat ihrer Silvesterrede, der Bürger solle ruhig ab und an sein Handy ausschalten. bat.

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