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Glosse Feuilleton : Anbeten verboten

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Eigentlich ist das Dreikönigsfest ein schlechter Tag, um die Weihnachtskrippe abzubauen. Schließlich ist sie - nach dem Kirchenkalender - am 6. Januar gerade erst komplett, wenn die Weisen aus dem Morgenland ihre kostbaren Geschenke in Bethlehem niederlegen.

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          Eigentlich ist das Dreikönigsfest ein schlechter Tag, um die Weihnachtskrippe abzubauen. Schließlich ist sie - nach dem Kirchenkalender - am 6. Januar gerade erst komplett, wenn die Weisen aus dem Morgenland ihre kostbaren Geschenke in Bethlehem niederlegen. Doch im italienischen Parlament hat jetzt bereits niemand mehr Freude an der prächtigen Krippe, welche die Abgeordneten jeder Couleur eigentlich mit weihnachtlichem Frieden erfüllen sollte. Die versöhnliche Initiative des kommunistischen Parlamentspräsidenten Bertinotti ging gründlich schief, nachdem ein radikaler Volksvertreter, nein, nicht Marx und Lenin, sondern ein traut händchenhaltendes Schwulenpärchen zu den singenden Hirten plaziert hatte. Irgendwo in der Nähe des heiligen Joseph musste doch noch ein Plätzchen sein, um das zivilgesellschaftliche Engagement der italienischen Linken zu versinnbildlichen. Immerhin wollen diverse Parteien die juristische Anerkennung unisexueller Lebensgemeinschaften durchsetzen. Im Gefolge dieser Debatte hatte das politische Italien gerade den Toilettenskandal verkraftet: Konservative Volksvertreterinnen wollten dem kommunistischen Transsexuellen Wladimir Luxuria lautstark die Benutzung der parlamentarischen Damentoilette untersagen. Kaum hatte sich eine Kommission zur Errichtung eines Transenklos über die Angelegenheit gebeugt, brach erneut ein Sturm der Entrüstung im ganzen Land los: Katholiken und Kinderschützer, Berlusconianer und Exfaschisten, linke Christdemokraten und nicht zuletzt der Papst fühlten sich durch die unschuldige Anbetung des Männerpüppchenpaars in ihren religiösen Gefühlen gekränkt. Bertinotti ließ die anstößigen Frühchristen entfernen, und der Urheber der Aktion, der Ehrenwerte Bruno Melloni, musste sich mit einem offenen Brief bei seinem atheistischen Chef für die Beleidigung der - de facto - Staatsreligion entschuldigen. Ein kurzer Blick in eine Don-Camillo-Erzählung hätte Melloni belehren können, dass sogar eingefleischten Stalinisten der katholische Komment heilig ist und man sich im pingeligen Italien mit einem Sakrileg dieser Art nicht beliebt machen kann. Schon die hinterhältige Frage, wieso wohl der kleine Jesus in seinem späteren Leben mit immerhin zwölf jungen Männern durch die Lande zog und innige Gemeinschaft mit ihnen pflegte, lässt rund um Rom die schweigende Mehrheit aufheulen und bringt die katholischen Medien auf die Palme. Die Könige, muss man annehmen, waren verheiratet. Jeder nur einmal. dsch

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