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Glosse Feuilleton : Adieu Poubelle

  • -Aktualisiert am

Poubelles in Paris Bild: AFP

Wer möchte seinen Namen schon für eine Mülltonne hergeben? Eugène-René Poubelle hat sich das zweifelhafte Vergnügen durch eine Müllreform im Jahr 1884 erworben. Doch jetzt sind die Poubelles in Südfrankreich verschwunden.

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          Nun hat der Fortschritt auch den Bürgermeister in unserem südfranzösischen Nest am Kragen gepackt und ihn auf die Reise nach Deutschland geschickt, damit er sich über die Regeln der Mülltrennung informiere. M. le Maire zeigte sich beeindruckt von den rigorosen Prinzipien der Nachbarn, die keinen Zweifel erlaubten, dass die Klassifizierung des Unrats eine hochmoralische Pflicht sei.

          Solche Strenge und die Kompliziertheit der deutschen Müllordnung, befand unser Gemeindeoberhaupt, seien freilich der Mentalität der Menschen des Midi nicht zuzumuten. Folglich begnügt er sich mit einer Zweiteilung des Abfalls: hier der wiederverwendbare, dort der unbrauchbare Kehricht – nur werden beide nicht länger vom öffentlichen Mülldienst abtransportiert.

          Wir schleppen unsere Säcke nun selbst zu den gelben und schwarzroten Sammelbehältern, die an jeder Kreuzung installiert wurden. Also verschwinden die „Poubelles“, wie die genormten Mülleimer heißen – ein Name, der uns Rätsel aufgab, bis wir via Wikipedia lernten, dass sich der Begriff von Eugène-René Poubelle herleite, der als Präfekt des Departments Seine von 1883 bis 1896 auch der hauptstädtischen Verwaltung vorstand (Paris blieb aus Gründen machtpolitischer Umsicht – dank der Kommune – das Amt des Bürgermeisters fast ein Jahrhundert lang versagt).

          Bescheidene Art von Unsterblichkeit

          M. Poubelle aber, ein stattlicher Mann mit kühlem Blick, starker Nase und mächtigem Bart, ging alsbald ans Werk, den berüchtigten Pariser Dreck zu beseitigen. Die Bürger wurden angehalten, die Reste ihrer Mahlzeiten und manche intimere Hinterlassenschaft nicht länger aus dem Fenster zu werfen, und am 7. März 1884 befahl der Präfekt, dass jeder Haushalt seinen Abfall in Gefäßen von 40 bis 120 Litern zur Abholung bereitzustellen habe.

          Überdies sorgte der Saubermann für eine Art Mülltrennung avant la lettre: Eine Tonne hatte die faulenden Abfälle aufzunehmen, eine andere das Papier und die Lumpen, eine dritte die Flaschen, das kaputte Geschirr und die Austernschalen. Voll ärgerlichem Spott tauften die Pariser die ungeliebten Unrateimer „les poubelles“, schon 1890 im „Grand Dictionnaire universel“ vermerkt.

          Der Präfekt hatte sich damit abzufinden, dass sein Name unlösbar an der Sammlung menschlichen Mülls kleben würde. Doch sah er seine Verdienste um die physische Hygiene der Nation durch die Ernennung zum Botschafter beim Vatikan belohnt, wo er bewundern durfte, wie sich der Heilige Vater um die psychische Reinheit der Menschen mühte. Im Sommer 1907 verschied M. Poubelle, einer bescheidenen Art von Unsterblichkeit gewiss.

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