https://www.faz.net/-gqz-41vd
 

Glosse : Die Tugenden des Cowboys

  • Aktualisiert am

Viele amerikanische Kritiker sehen in ihrem Präsidenten einen Cowboy. Andere wollen aus der Not eine Tugend machen. Aber worin besteht die Tugend des Cowboys?

          3 Min.

          Rechtfertigen müssen sich immer die Neuerer. Alle übrigen haben die Tradition auf ihrer Seite. Wenn Präsident Bush jetzt seiner revolutionären Doktrin vom Präventivkrieg Geltung verschafft, sind die Folgen unabsehbar.

          Cowboy-Spiele

          Der Unterschied zwischen einer Revolution und einem Staatsverbrechen beruht nur darauf, ob die Revolution erfolgreich ist oder nicht. Wenn das Spiel gut ausgeht, ist's gut, wenn nicht, dann werden es alle schon immer gewusst haben. Folgt man den Kommentaren amerikanischen Zeitungen zur Rede von Präsident Bush, dann hat sich Bush auf ein riskantes Spiel eingelassen.

          Am meisten erstaunt die Kluft zwischen der von Bush bemühten Rhetorik der Selbstbehauptung und dem Supermachtstatus der Vereinigten Staaten, für die der Irak keine unmittelbare Bedrohung darstellt - anders als es vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg der Fall war, wie David E. Sanger in der „New York Times“ bemerkt.

          In Europa, so Sanger weiter, werde die Rede das Bild von Bush als „Cowboy“ bestätigen. Der Cowboy verschafft seinem Recht dort Geltung, wo das Gesetz noch nicht Einzug gehalten hat - oder wo das Gesetz an die Grenze seiner Geltung gelangt. Dann wird der Cowboy zum Rächer, der die Bösen an den Formalien des Gesetz vorbei der Gerechtigkeit zuführt. Das Recht im Ausnahmezustand. Hinterher sorgt dann wieder der Sheriff für Ruhe und Ordnung. Auch die Vereinten Nationen werden also in Zukunft nicht überflüssig sein, heißt das.

          Wozu Cowboys gebraucht werden

          Aus dem billigen Klischee vom Cowboy machen Bushs Berater jetzt jedoch eine Tugend, so Sanger weiter. Denn das Bild biete Vorteile. Er als „Westerner“, sagte Vize-Verteidigungsminister Dick Cheney, glaube nicht, dass das eine schlechte Idee sei. Der Cowboy Bush sei genau das, was die Umstände erforderten.“

          Im Grunde ist der Cowboy als Führer die Lösung für das Problem, das Edward Luttwak in seinem soeben ins Deutsche übersetzten Buchs „Strategie“ bennent. Die westlichen Gesellschaft mit ihren niedrigen Geburtenraten messen dem individuellen menschlichen Leben einen historisch gesehen einzigartig hohen Wert zu. Kriegsopfer ist die Gesellschaft deshalb kaum bereit aufzubringen. Das galt sogar für die totalitär regierte Sowjetunion während des Afghanistankriegs, der durch strenge Zensur von der Öffentlichkeit ferngehalten wurde. Die Sowjets hätten den Krieg schon wegen des unausbleiblichen Widerstands der eigenen Bevölkerung nie gewinnen können.

          Die Paradoxie lautet also kurz gesagt: Die militärische Selbstbehauptung traut man nur Leuten zu, die man für dumm genug hält, sich über die Selbstbehauptungsbelange der eigenen Bevölkerung hinwegzusetzen. Eine westliche Macht, die Krieg führen oder wenigstens Kriegsbereitschaft signalisieren will, um diplomatischen Druck zu erzeugen, braucht deshalb Cowboys als Führer.

          Vielleicht sehen das irgendwann sogar die Harvard-Professoren ein, die Richard Blow im linksliberalen „Tom Paine“ zitiert. Auch sie nennen Bush einen „Cowboy“. Er sei ein autoritärer Herrscher, der zufällig demokratische Instututionen lenke. Aber solche Beleidigungen würden die Diskussion in Wirklichkeit nur kurzschließen, so Blow. Bush sei zwar erkennbar kein Intellektueller, aber er sei auch nicht völlig dumm. Nur bringe er eben alles auf einfache Alternativen: Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Krieg und Frieden. Er treffe Entscheidungen und halte dann daran fest. Wichtige Eigenschaften für eine Führer. Die Tugend des Cowboys ist seine Entschlossenheit.

          Law and Order

          Doch die Frage ist, ob die Rückkehr zu „Gesetz und Ordnung“ nach dem Showdown so einfach möglich sind wie in den Hollywood-Melodramen. Wird Bushs Verstand auch mit den Folgen seiner Entscheidungen fertig? fragt Blow: Wenn nämlich Tausende von Zivilisten tot sind, Nord-Korea Nuklearwaffen entwickelt, Iran und Türkei den Nachkriegsirak zerlegen, Al Qaida sich die Antikriegseinstellung in der Region zunutze macht, um Selbstmordattentäter zu rekrutieren.

          Dann sind doch wieder internationale Institutionen gefragt, die „Law and Order“ als Normalzustand garantieren. Genau die Ziele, für die Bush den Krieg im Irak führen will. Bush stürzt die Nato und die Vereinten Nationen in ihre schlimmste Krise. Seine Diplomatie sei ein riesiger Scherbenhaufen, schreiben die amerikanischen Kommentatoren. Doch wahrscheinlich werden die internationalen Institutionen gerade daraus eine Chance erhalten, sich zu regenerieren: aus dem Umstand, dass Bush nicht alleine mit den Folgen seiner Cowboy-Tugenden fertig werden wird.

          Topmeldungen

          Vereitelter Anschlag : Sie wollten möglichst viele „Ungläubige“ töten

          Drei Männer sollen einen Anschlag mit Sprengstoff im Rhein-Main-Gebiet geplant haben. Laut Polizei waren die Pläne weit fortgeschritten. Die drei Männer aus Offenbach sollen Verbindungen zum IS haben.

          Bevölkerungswachstum : „Ein politisch heikles Thema“

          Die Demographie-Forscherin Alisa Kaps über die Weltbevölkerungskonferenz, schwierige Gespräche mit afrikanischen Regierungschefs, Gegenwind von Abtreibungsgegnern und darüber, wie Rechtspopulisten das Thema Bevölkerungswachstum besetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.