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Glosse : Darmlos

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„Luxus für die Ohren“ gegen die Historisch informierte Diktatur (HID) Bild: Rüchel, Dieter

Ein Hoch auf die Bürokraten in Brüssel! Wollen Sie doch künftig die Schweinerei verbieten, Darmsaiten auf wohlklingende Holzrahmen - vulgo: Violinen - zu spannen. Der Musik kann es nur nützen.

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          Es ist hoch an der Zeit, eine Hymne, ach was, eine Sinfonie auf die Europäische Union anzustimmen. Es ist ja im Großen und Ganzen eine Regelungsunion - die von der Krümmung der Banane über die Färbung des Regenbogens bis hin zur Giftigkeit der Glühsparbirne alles im Normgriff hat. Das nationale Gemüt jedweder Couleur kommt in schöner Regelmäßigkeit in Wallung, wenn aus Brüssel wieder einmal eine Verordnung auf die Tische der vereinigten Republiken und Königreiche flattert. Aber jetzt wird eine solche gottlob auch einmal auf Pulte flattern, auf Notenpulte nämlich. Brüssel will - wegen allfälliger Rinder- und Schafsseuchen - die Herstellung von Darmsaiten verbieten.

          Dagegen laufen nun gewisse Musikerkreise, die sich "die historisch Informierten" nennen, Sturm. Die "Informierten", die im Grunde besser "die Formierten" hießen, glauben nämlich, sie spielten die Musik der alten Meister so, wie sie wirklich klingen müsse: wie damals, als es nichts als Darmsaiten für Streichinstrumente gab. Als der Darm von Huftieren (meistens Schafe, oft aber auch Rinder) unter fließendem Wasser gereinigt, anschließend einem Säurebad ausgesetzt, dann mit Asche behandelt, dann zu einem Strang verdreht, dann mit Schwefel umnebelt, dann poliert und geschliffen wurde. Als die Herstellung von Musik also einerseits auf einer vorzivilisatorischen, tiermörderischen Schweinerei, andererseits aus einer daraus folgenden dünnen, tonlos klirrfiepsenden, darmigen Zirperei beruhte. Exakt diese Zirperei wird von den Zentralkomitee-Mitgliedern der Partei der "Historisch informierten Diktatur" (HID) ganz Musik-Europa seit einiger Zeit aufgezwungen: bei strengstem Vibratoverbot. Wer auf der Darmsaite heutzutage anfinge, den vibrierenden Finger krumm zu machen, käme ja nicht unter vier bis fünf Jahren Zwangsarbeit im Harnoncourt-Knast davon!

          Dagegen schreitet Brüssel nun zu Recht ein. Abgesehen davon, dass Darmsaiten ein unhistorisch abzockerisches Sündengeld kosten und die wunderbaren Stahlsaiten eine sehr viel wärmere, größere, reichere, auf jeden Fall tierliebere Musik machen, könnte es nicht schaden, wenn Brüssel jetzt auch noch den Unfug der widerlich gekrümmten, grell-debil näselnden Barock-Oboen und ventillosen, verbeult heulenden Hörnern verbieten würde. Vielleicht mit einem Holzkäferkrankheitserreger- und einem Ohrenkrankheitsverhinderungsgesetz. Dann dürfte Musik - unhistorisch, aber dafür heutig - wieder einfach schön sein. Wir leeren inzwischen ein volles Glas "Vibrato Grand Cru" auf Brüssel. Es möge nützen!

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