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Glosse : Allein gegen Saddam

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Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, heißt ein in diesen Tagen vielzitiertes Wort. Doch die „Bild“-Zeitung beweist, das auch das Gegenteil gilt. Das paradoxe Logik des Krieges kann sogar die Lüge in Wahrheit verwandeln.

          „Bush gegen den Rest der Welt“, ist das Editorial des „Stern“ überschrieben. „Noch nie war Amerika so stark, noch nie so allein“, heißt es im Untertitel des Aufmachers der „Zeit“.

          Gewissheit und Abenteuer

          Dies spiegelt die Stimmung in der Welt wie in Deutschland wieder. Alle glauben zu wissen, dass Präsident Bush ein Vabanque-Spiel treibt. Und reiben sich die Hände: Geht das Abenteuer des Einzelgängers schief, dann hat man's ja schon immer gesagt. Geht alles gut, dann wird Amerika den Wiederaufbau des Irak nicht ohne die Hilfe der „multipolaren Weltordnung“ hinkriegen.

          In den Zeitungen erfahren wir heute viel über das völkerrechtliche Für und Wider des Krieges. Gewissheit herrscht über die Art des Angriffs: 3000 Bombenabwürfe in den ersten 48 Stunden, so viel wie während des ganzen Zweiten Golfkriegs. Das wissen wir seit mehr als einem Jahr. Denn in der Tat: Demokratische Staaten können schwerlich Überraschungsangriffe führen. Zu groß ist die Aufmerksamkeit der Medien.

          Heute morgen um 3:30 Uhr (MEZ) hat jedoch die Wirklichkeit einen Strich durch diese scheinbar mathematisch bewiesene Gewissheit gemacht, als die Streitkräfte der Alliierten einen vermuteten Aufenthaltsort irakischer Regierungsmitglieder gezielt angriffen. Der Krieg ist keine Mathematik, sondern folgt einer stets paradoxen Logik. Die Strategie der „Enthauptung“ des Regimes - die Zerstörung seiner logistischen und nachrichtentechnischen Zentren und Verbindungen - hat der Angriff einfach wörtlich genommen: mit einem Attentat auf den Staatslenker Saddam Hussein.

          Das paradoxe Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrheit

          Durch eine wundersame Ironie hat freilich die „Bild“-Zeitung die treffende Schlagzeile zum Ereignis des Tages gefunden. Dank eines erstaunlichen Mutes. Auf ihrer Seite zwei druckt das Boulevard-Blatt vierzehn Lesebriefe zum Irak-Krieg, von denen sich zehn gegen den Krieg aussprechen. Doch auf Seite eins titelt „Bild“ mit dem Aufruf „Tötet Saddam!“

          Das hätte beinahe der Einsatzbefehl für die Operation von heute morgen sein können. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Es handelt sich um einen angeblichen Befehl, den Präsident Bush der Spezialeinheit „Delta Force“ erteilt haben soll. Ein Quelle nennt „Bild“ nicht. Die zufällige Realitätsnähe des Blatts resultiert lediglich aus seinem sensationslüsternen Instinkt.

          Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, heißt ein in diesen Tagen immer zu. Doch die „Bild“-Zeitung beweist, dass auch das Gegenteil gilt. Die paradoxe Logik des Krieges kann sogar die Lüge in Wahrheit verwandeln.

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