https://www.faz.net/-gqz-138wp

Glossar der Krise : Raubtierkapitalismus

  • -Aktualisiert am

Der Raubtierkapitalist fühlte sich einst unverwundbar. Doch wer am Ende der Nahrungskette steht, lebt gefährlich und ist höchst abhängig. Nicht umsonst gehören der Hai und der Tiger zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten.

          1 Min.

          Die Krise hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schon vor zwei Jahren vorausgesagt: Damals nämlich, als die Finanzmanager in London und New York noch unverwundbar schienen, sprach Schmidt vom „Raubtierkapitalismus“. Und genauso ist es, wenn man ihm bei Wort nimmt, wirklich gekommen. Wer weiß, wie die Natur haushält, wird sich über nichts gewundert haben, denn es gibt kaum ein größeres Missverständnis als die Vorstellung vom übermächtigen Raubtier. Der Tiger, das Leistenkrokodil oder der Hai - sie alle gehören zu den bedrohten Tierarten, die viel staatliche Unterstützung oder privates Engagement benötigen, um nicht zu verschwinden.

          Die Erklärung liefern ein einfaches Rechenbeispiel und ein Blick auf die Nahrungskette: In einem Meer können hundert Millionen Kieselalgen in etwa eine Million Ruderfußkrebse sättigen; eine Million Ruderfußkrebse ernähren wiederum ungefähr zehntausend Garnelen; zehntausend Garnelen stopfen die Mägen von hundert Makrelen; und hundert Makrelen wieder sind die Speise eines einzelnen Hais. Wegen der Nahrungspyramide, die Ökologen nach ihrem Entdecker die Eltonsche Zahlenpyramide nennen, sind die Organismen an der Spitze rar. Wer am Ende der Nahrungskette steht, ist am abhängigsten und deshalb gefährdet. Die kurze Überlegenheit im Moment des Beutefangs zahlt das Raubtier auf lange Sicht mit einer dauerbedrohten Existenz. Und dieses Schicksal teilt der Raubtierkapitalist mit dem Raubtier: Auch er, der in den Städten jagt, kann ohne Hilfe von außen, vom schützenden Staat, nicht überleben.

          Weitere Themen

          Das Tabu berühren

          Suizid-Ausstellung in Kassel : Das Tabu berühren

          Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt eine behutsame Kunstausstellung zum Suizid. Sie räumt mit Mythen auf und fragt nach dem Schicksal der Hinterbliebenen.

          Topmeldungen

          Demonstranten rezitieren den Treueschwur der Vereinigten Staaten.

          Demonstration am Kapitol : Mini-Marsch statt neuer Gewaltexzesse

          Teile der rechten Szene wollten sich solidarisch mit den Krawallmachern vom 6. Januar zeigen, die wegen des Angriffs auf das Kapitol in Haft sind. Doch es kamen nur wenige Menschen nach Washington. Trump hatte vor einer „Falle“ gewarnt.
          Olaf Scholz spricht vergangenen Samstag in München.

          Wahlkampf : Scholz nennt konkrete Zahl für Steuererhöhung

          Erstmals beziffert der SPD-Spitzenkandidat, wie hoch der Spitzensteuersatz unter ihm als Kanzler steigen könnte. Im Gegenzug macht er unter anderem einen Mindestlohn von 12 Euro zur Bedingung für jede Koalition.
          Zum Auftakt der Aktionswoche erhält eine Oberschülerin in Berlin vergangenen Montag eine Corona-Impfung.

          RKI-Zahlen : Inzidenz sinkt den sechsten Tag in Folge

          70,5 beträgt die Corona-Inzidenz aktuell – und ist weiter im Rückgang. Gesundheitsminister Spahn zieht eine positive Bilanz der Impf-Aktionswoche, und laut Umfrage stoßen 2G-Regeln bei den meisten Deutschen auf Zustimmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.