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Glossar der Krise : Kapital

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Kapital ist heute für alle da und sei es in Form von Schulden. Ein großer Teil davon wird nie zurückgezahlt werden können. Das müssen Menschen leisten, die noch gar nicht geboren sind. Insofern ist Kapital heute ein Verbrechen, leider.

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          Kapital ist etwas Feines und sollte knapp sein, aber weil die Menschen immer älter und dabei leider immer kindischer werden, haben sie die nervige Knappheitsregel vor rund dreißig Jahren einfach abgeschafft. So wie der große Marx, also Harpo, es mit den schwarzen Jellybeans gemacht hat: In der Kindheit immer der Ärger, weil pro Tüte nur je eine der besonders leckeren schwarzen Bohnen drin war, darum, mit den ersten Gagen, der Entschluss, im Großhandel einen ganzen mannsschweren Sack voller schwarzer Jellybeans zu erstehen, und zwar, um beide Genüsse zu kombinieren, kurz vor einem Kinobesuch.

          Nach wenigen Handvoll von dem süßen Kram schlief Marx hochzufrieden ein, der Sack kippte um und die Kinobesucher gerieten beim Verlassen des Saals ins Schleudern, Stepptanzen und krachten ab. Genau wie jetzt unsere Wirtschaft, weil so vor dreißig Jahren befunden wurde, dass Kapital für alle da sein sollte. Da waren sich von Maggie Thatcher bis Pierre Bourdieu alle einig.

          Die Verbannung von Arbeit und Müßiggang

          Seither gibt es nicht nur viel, viel mehr Kohle auf der Welt – vierzigmal mehr als gesund wäre –, sondern auch immer neue Formen von Kapital: soziales Kapital, symbolisches Kapital, Humankapital, Kreativkapital und politisches Kapital. Pierre Bourdieu hatte sich bei der Auffächerung des Kapitalbegriffs nichts Schlimmes gedacht, aber er kannte ja auch keine Analysten. In der New Economy wurde es nämlich Mode, auch exotische Kapitalformen, also beispielsweise, was eine Firma so können möchte und wie gut die jungen Leute drauf sind, zu symbolischem Kapital zu erklären und als „Story“ der Aktie zu Geld zu machen.

          So machten es bald alle. Statt länger als geronnene Arbeit begriffen zu werden, was irgendwie nach anstrengenden Gewerkschaften klang, war Kapital rundum verflüssigt und für alle da, halt in Form von Schulden. Kapitalisten sind nicht mehr dicke Männer mit Zigarre und einem Safe im Keller, sondern Trickkünstler mit vielen Kreditkarten. Innenstädte und Flughäfen sind längst Luxussupermärkte, Arbeit und Müßiggang sind gleichermaßen aus der urbanen Landschaft verbannt worden, sie verderben die Laune. Freilich wird das Geld für all diese Schulden von uns nie verdient werden können. Das müssen Menschen leisten, die noch gar nicht geboren sind. Insofern ist Kapital heute ein Verbrechen, leider.

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