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Gleichberechtigung : Meine freie Wahl

Wo steht die moderne und emanzipierte Frau von heute? Bild: dpa

Eine ganze Generation junger Frauen findet, sie brauche den Feminismus nicht mehr. Vergnügt genießt sie die Illusion, sie hätte ihre Lebensumstände frei gewählt. Das ist naiv.

          5 Min.

          „Hoffentlich wird es ein Junge.“ Diesen Satz sagte neulich eine Freundin am Telefon, sie klang gehetzt, denn sie hatte es eilig, sie war unterwegs zum Frauenarzt und würde dort erfahren, ob sie bald rosafarbene oder blaue Strampelanzüge besorgen muss. Sie sagte noch: „Für Jungs ist das Leben viel leichter.“ Dann legte sie auf, doch ihr Satz hallte nach.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Drei Tage später lag auf dem Schreibtisch ein Buch. Der Titel: „Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung“. Geschrieben hatte das Buch eine Frau Anfang dreißig, ihr Name ist Michèle Roten, sie ist verheiratet, Mutter eines kleinen Sohnes und Kolumnistin beim Magazin des „Tages-Anzeiger“. Man könnte auch sagen, Michèle Roten ist eine erfolgreiche Frau. Woher also kommt ihre Verwirrung? Kokettiert sie? Ist ihr womöglich trotz Kind langweilig, und sie wollte einfach nur ein Buch schreiben? Befindet sie sich inmitten einer Sinnsuche?

          Die erfolgreiche Frau mit der perfekt sitzenden Frisur

          Nichts davon trifft zu. Michèle Roten ist nur wie die meisten Frauen ihrer Generation in dem festen Glauben aufgewachsen, dass Männer und Frauen dieselben Rechte und Pflichten haben, dass zwischen den Geschlechtern alles eine Frage des geschickten Verhandelns ist und die gesellschaftlichen Strukturen Frauen nicht von vornherein diskriminieren. Frauen können studieren, zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung wählen oder gar nicht arbeiten, Kinder kriegen oder nicht, sie selbst aufziehen oder außer Haus betreuen lassen. Sie können die Scheidung einreichen und eine Frau heiraten. Frauen sind die Autorinnen ihrer eigenen Biographie. Wozu also noch Feminismus? Oder, wie Roten es ausdrückt: „Warum sollte ich Unterstützung brauchen, wenn ich meinen Weg doch gänzlich unbehindert gehen kann! Für mich lief alles super! Dank Alice Schwarzer und ihren Frauen! Sie haben ihr Ziel erreicht: für mich eine bessere Welt zu schaffen! Et voilà! Merci! Und jetzt abtreten, bitte.“

          Fragt man junge Frauen, was sie unter einer Feministin verstehen, fallen Wörter wie alt, verbittert, hässlich, frigide und uncool. Rotens weibliches Rollenverständnis prägte die Frau aus der 3-Wetter-Taft-Haarspray-Werbung. Erinnern wir uns kurz: Der Spot zeigt eine dunkelblonde, aufwendig geföhnte Frau im Kostüm, die in Hamburg, wo es regnet, einen Privatjet besteigt und im windigen München einen Zwischenstopp einlegt, bevor es weiter nach Rom geht. Dort brennt die Sonne. Die Frau steigt aus, in der Hand eine Aktentasche. Sie ist bester Dinge: Ihre Frisur sitzt. Was für ein naives Frauenbild, denkt man. Aber ist es das wirklich? Schließlich wird schon Mädchen vermittelt, dass die Welt keine Männerwelt mehr ist, dass auch ihnen alles offensteht, sie müssen nur Fleiß, Talent und Ehrgeiz mitbringen. Mädchen spielen auf dem Schulhof Fußball mit den Jungs, besuchen den Werkunterricht, schreiben die besseren Noten in naturwissenschaftlichen Fächern, studieren erfolgreicher. Überall ist von der Krise des Mannes und den großartigen Zukunftsaussichten der Frauen die Rede.

          Es siegt doch die Macht des Faktischen

          Dazu ein paar hässliche Fakten: Frauen verdienen im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer, sie arbeiten häufiger Teilzeit, da sie häufiger als Männer auf ihre Karriere verzichten und damit auf einen erheblichen Teil ihrer Altersabsicherung. Die gläserne Decke ist keine Erfindung: Frauen scheitern in der Regel an der mittleren Managementebene, was ganz sicher nichts mit Feigheit zu tun hat, wie Bascha Mika behauptet. Die Männer sichern nur das Erreichte. Nicht zufällig werden Frauen nach der Babypause oft mit unwichtigen Aufgaben betraut. Anders ausgedrückt: Sie werden abgeschoben. Der Vereinbarkeitsbegriff ist demnach nichts weiter als ein Euphemismus. Und die „neuen Väter“? Nach drei Monaten Elternzeit ist die Rollenverteilung meist wieder wie gehabt. Mehr als neunzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Das Bundesverfassungsgericht entschied vor einiger Zeit, dass alleinerziehende Frauen, sofern sie einen Krippenplatz für ihr Kind haben, von dessen drittem Lebensjahr an Vollzeit arbeiten müssen.

          Mit dem verheißungsvollen Bild der Taft-Frau hat das wenig zu tun. Letzten Endes siegt die Macht des Faktischen. Das ist ein Schock, auch für Roten, dabei wurde sie nie diskriminiert, sie hatte kein böses Erweckungserlebnis. Es ist der gesellschaftliche Subtext, es sind diese Alltagsbeobachtungen, die ihr düsteres Bild formen.

          Auf zum Brazilian-Waxing

          Entscheidend ist aber etwas anderes: Michèle Roten entlarvt in ihrem bemerkenswerten Buch die eigene Generation. Und sie ist entsetzt. Diese Generation poche so extrem wie keine andere darauf, dass sie nicht diskriminiert werde. Ihr Leitspruch lautet: Wir sind emanzipiert und tun, was wir wollen! „Wir Frauen sind inzwischen verdammt gut geworden darin, jede Entscheidung, die wir treffen, mit der freien Wahl zu rechtfertigen.“ Dass ich zu Hause bleibe bei den Kindern, trotz Studium und vielversprechender Berufsaussichten? „Meine freie Wahl“ („Es gibt mir einfach mehr als die Arbeit“). Die Brustvergrößerung auf Doppel-D? „Meine freie Wahl.“ („Mir ganz persönlich gefällt’s einfach.“) Den Namen des Ehemanns anzunehmen? „Meine freie Wahl.“ („Ihm war es einfach wichtiger, seinen zu behalten, mir kommt’s nicht so drauf an.“). Dass ich mehr Hausarbeit mache? „Meine freie Wahl.“ („Mir ist Sauberkeit halt einfach wichtiger als ihm“), schreibt Roten. Sie ist zu Recht verwirrt.

          Sie hat viel für die deutsche Frauenbewegung getan: Alice Schwarzer
          Sie hat viel für die deutsche Frauenbewegung getan: Alice Schwarzer : Bild: dpa

          Die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, gehört zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick. Niemand möchte ein bemitleidenswertes Opfer sein, wir alle stehen lieber auf der Gewinnerseite. Auf die Idee, einen kritischen Blick auf die tatsächlichen Machtverhältnissen zu werfen, kommt man also erst gar nicht. Was Stärke suggerieren soll, ist aber in Wahrheit Schwäche. Eine gefährliche Schwäche, die direkt in den Stillstand führt. Schlimmer noch: Die Töchter des Feminismus geben nach und nach jenes gewonnene Terrain preis, für das sie nicht einmal kämpfen mussten und dessen Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen. Nehmen wir die aufgeregte Diskussion über die Frauenquote, die den eigentlichen Skandal völlig ausblendete: nämlich dass Frauen in Führungspositionen nicht längst Normalität sind. Die Frage heißt nicht: Frauenquote ja oder nein. Sie heißt: Warum müssen wir überhaupt darüber diskutieren?

          Die Generation junger, angeblich selbstbewusster Frauen hat sich in die Bequemlichkeit der Selbstlüge gerettet. Sie geht lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen, denkt intensiver über Körperoptimierung als über Lohndiskriminierung nach, ist ständig auf der Suche nach dem besten Bio-Laden, shoppt bei Stylebop.com und findet, Ehrenämter seien eine Sache für Rentner. Währenddessen zieht sie mit einer Gehässigkeit über das eigene Geschlecht her, dass einem schlecht wird.

          Ich schaute der Bedienung auf die Brüste

          Der größte Feind von Frauen sind Frauen, das war bereits in der Schule so, und wer denkt, dies würde sich irgendwann ändern, irrt sich. Ayelet Waldman verweist in ihrem polarisierenden Buch „Böse Mütter“ auf eine Untersuchung der Universität von Maryland, der zufolge Frauen im Internet fünfundzwanzig Mal öfter das Ziel von bösartigen Angriffen werden als Männer. Teilzeit-Mütter treten gegen Vollzeit-Mütter an, alte Frauen gegen junge, Schwangere gegen Kinderlose. Das eigene Lebensmodell wird gerechtfertigt, indem man abweichende Entwürfe diffamiert. Solidarität? Nicht zwischen Frauen. Anstatt Haltung zu beziehen, lächeln Schwarzers potentielle Nachfolgerinnen kristinaschröderhaft über den Feminismus hinweg wie über einen schlechten Scherz. So heben sie ihr eigenes Grab aus, ohne es zu merken.

          Junge Frauen sind meist unheimlich stolz darauf, das Etikett Feminismus weit von sich zu weisen. So war Roten früher auch. Heute sieht sie die Sache anders. Einmal schreibt sie: „Und so saß ich also im ,Hooters‘ und dachte, dass es nicht leicht ist, eine Frau zu sein. Denn tatsächlich weiß ich überhaupt nicht, wo ich stehe bei Schröder/Schwarzer. Wie bei einigen anderen Frauenfragen. Ich schaute der Bedienung auf die Brüste und fragte mich, ob sie ihr das Studium finanzieren und ob das okay ist.“

          Weibliche Gemeinschaft gibt es nicht

          In Alice Schwarzers Autobiographie „Lebenslauf“ gibt es einige bemerkenswerte Stellen, in denen Schwarzer beschreibt, wie kurz, wie sexy ihre Röcke gewesen seien, damals, in den sechziger Jahren, und wie sie gespielt habe mit den Männern. Nur hatte dieses Spiel mit dem der Hooters-Bedienung nichts zu tun. Schwarzers Spiel folgte keinen egoistischen Regeln, sie hatte eine Haltung, ihre Idee zielte auf einen gesellschaftlichen Umbau. Erst aus der weiblichen Gemeinschaft heraus entstand ja die Wucht der Frauenbewegung. Und heute?

          Kein Schulterschluss, nirgendwo, kein gemeinsames Aufbegehren, gegen was auch immer. Die Zeit weiblicher Gemeinschaft ist vorbei. Wer einmal versucht hat, sich mit Geschlechtsgenossinnen zu verschwören, und zwar auf jene Weise, in der sich Jungs früher in Gangs zusammengeschlossen haben, weiß, dass das in etwa so erfolgversprechend ist wie das Ausfüllen eines Lottoscheins. Dummerweise bleibt aber ohne diesen Verschwörungsgeist auch in Zukunft alles beim Alten. Womöglich brauchen wir eine Alice Schwarzer dringender, als wir ahnen.

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