https://www.faz.net/-gqz-6vo90

Gleichberechtigung : Meine freie Wahl

Die Generation junger, angeblich selbstbewusster Frauen hat sich in die Bequemlichkeit der Selbstlüge gerettet. Sie geht lieber zum Brazilian-Waxing als zum Wählen, denkt intensiver über Körperoptimierung als über Lohndiskriminierung nach, ist ständig auf der Suche nach dem besten Bio-Laden, shoppt bei Stylebop.com und findet, Ehrenämter seien eine Sache für Rentner. Währenddessen zieht sie mit einer Gehässigkeit über das eigene Geschlecht her, dass einem schlecht wird.

Ich schaute der Bedienung auf die Brüste

Der größte Feind von Frauen sind Frauen, das war bereits in der Schule so, und wer denkt, dies würde sich irgendwann ändern, irrt sich. Ayelet Waldman verweist in ihrem polarisierenden Buch „Böse Mütter“ auf eine Untersuchung der Universität von Maryland, der zufolge Frauen im Internet fünfundzwanzig Mal öfter das Ziel von bösartigen Angriffen werden als Männer. Teilzeit-Mütter treten gegen Vollzeit-Mütter an, alte Frauen gegen junge, Schwangere gegen Kinderlose. Das eigene Lebensmodell wird gerechtfertigt, indem man abweichende Entwürfe diffamiert. Solidarität? Nicht zwischen Frauen. Anstatt Haltung zu beziehen, lächeln Schwarzers potentielle Nachfolgerinnen kristinaschröderhaft über den Feminismus hinweg wie über einen schlechten Scherz. So heben sie ihr eigenes Grab aus, ohne es zu merken.

Junge Frauen sind meist unheimlich stolz darauf, das Etikett Feminismus weit von sich zu weisen. So war Roten früher auch. Heute sieht sie die Sache anders. Einmal schreibt sie: „Und so saß ich also im ,Hooters‘ und dachte, dass es nicht leicht ist, eine Frau zu sein. Denn tatsächlich weiß ich überhaupt nicht, wo ich stehe bei Schröder/Schwarzer. Wie bei einigen anderen Frauenfragen. Ich schaute der Bedienung auf die Brüste und fragte mich, ob sie ihr das Studium finanzieren und ob das okay ist.“

Weibliche Gemeinschaft gibt es nicht

In Alice Schwarzers Autobiographie „Lebenslauf“ gibt es einige bemerkenswerte Stellen, in denen Schwarzer beschreibt, wie kurz, wie sexy ihre Röcke gewesen seien, damals, in den sechziger Jahren, und wie sie gespielt habe mit den Männern. Nur hatte dieses Spiel mit dem der Hooters-Bedienung nichts zu tun. Schwarzers Spiel folgte keinen egoistischen Regeln, sie hatte eine Haltung, ihre Idee zielte auf einen gesellschaftlichen Umbau. Erst aus der weiblichen Gemeinschaft heraus entstand ja die Wucht der Frauenbewegung. Und heute?

Kein Schulterschluss, nirgendwo, kein gemeinsames Aufbegehren, gegen was auch immer. Die Zeit weiblicher Gemeinschaft ist vorbei. Wer einmal versucht hat, sich mit Geschlechtsgenossinnen zu verschwören, und zwar auf jene Weise, in der sich Jungs früher in Gangs zusammengeschlossen haben, weiß, dass das in etwa so erfolgversprechend ist wie das Ausfüllen eines Lottoscheins. Dummerweise bleibt aber ohne diesen Verschwörungsgeist auch in Zukunft alles beim Alten. Womöglich brauchen wir eine Alice Schwarzer dringender, als wir ahnen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Konziliant im Ton, in der Sache aber auch mit einigem einverstanden, was Donald Trump veranlasste: der amerikanische Präsident Joe Biden am Montag in Brüssel

Biden und die EU : In Trumps langem Schatten

Am Dienstag trifft der amerikanische Präsident die Spitzen der EU. Die Europäer wollen endlich Trumps Strafzölle loswerden, doch Biden zögert das hinaus. Fortschritte gibt es dagegen auf anderen Feldern.
Die deutsche Mannschaft darf sich im Duell mit Frankreich durchaus Hoffnungen auf Jubel machen.

EM-Prognose : Deutschland ist gar nicht chancenlos!

Frankreich! Der Weltmeister! Der Topfavorit! Vor dem Auftakt sehen viele schwarz für die deutsche Nationalelf. Doch die EM-Prognose ist nicht so düster. Das Duell verspricht vielmehr Hochspannung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.