https://www.faz.net/-gqz-6vo90

Gleichberechtigung : Meine freie Wahl

Es siegt doch die Macht des Faktischen

Dazu ein paar hässliche Fakten: Frauen verdienen im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer, sie arbeiten häufiger Teilzeit, da sie häufiger als Männer auf ihre Karriere verzichten und damit auf einen erheblichen Teil ihrer Altersabsicherung. Die gläserne Decke ist keine Erfindung: Frauen scheitern in der Regel an der mittleren Managementebene, was ganz sicher nichts mit Feigheit zu tun hat, wie Bascha Mika behauptet. Die Männer sichern nur das Erreichte. Nicht zufällig werden Frauen nach der Babypause oft mit unwichtigen Aufgaben betraut. Anders ausgedrückt: Sie werden abgeschoben. Der Vereinbarkeitsbegriff ist demnach nichts weiter als ein Euphemismus. Und die „neuen Väter“? Nach drei Monaten Elternzeit ist die Rollenverteilung meist wieder wie gehabt. Mehr als neunzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Das Bundesverfassungsgericht entschied vor einiger Zeit, dass alleinerziehende Frauen, sofern sie einen Krippenplatz für ihr Kind haben, von dessen drittem Lebensjahr an Vollzeit arbeiten müssen.

Mit dem verheißungsvollen Bild der Taft-Frau hat das wenig zu tun. Letzten Endes siegt die Macht des Faktischen. Das ist ein Schock, auch für Roten, dabei wurde sie nie diskriminiert, sie hatte kein böses Erweckungserlebnis. Es ist der gesellschaftliche Subtext, es sind diese Alltagsbeobachtungen, die ihr düsteres Bild formen.

Auf zum Brazilian-Waxing

Entscheidend ist aber etwas anderes: Michèle Roten entlarvt in ihrem bemerkenswerten Buch die eigene Generation. Und sie ist entsetzt. Diese Generation poche so extrem wie keine andere darauf, dass sie nicht diskriminiert werde. Ihr Leitspruch lautet: Wir sind emanzipiert und tun, was wir wollen! „Wir Frauen sind inzwischen verdammt gut geworden darin, jede Entscheidung, die wir treffen, mit der freien Wahl zu rechtfertigen.“ Dass ich zu Hause bleibe bei den Kindern, trotz Studium und vielversprechender Berufsaussichten? „Meine freie Wahl“ („Es gibt mir einfach mehr als die Arbeit“). Die Brustvergrößerung auf Doppel-D? „Meine freie Wahl.“ („Mir ganz persönlich gefällt’s einfach.“) Den Namen des Ehemanns anzunehmen? „Meine freie Wahl.“ („Ihm war es einfach wichtiger, seinen zu behalten, mir kommt’s nicht so drauf an.“). Dass ich mehr Hausarbeit mache? „Meine freie Wahl.“ („Mir ist Sauberkeit halt einfach wichtiger als ihm“), schreibt Roten. Sie ist zu Recht verwirrt.

Sie hat viel für die deutsche Frauenbewegung getan: Alice Schwarzer
Sie hat viel für die deutsche Frauenbewegung getan: Alice Schwarzer : Bild: dpa

Die Überzeugung, absolute Wahlfreiheit zu genießen, gehört zum Selbstbild der modernen Frau wie ihr Schuh-Tick. Niemand möchte ein bemitleidenswertes Opfer sein, wir alle stehen lieber auf der Gewinnerseite. Auf die Idee, einen kritischen Blick auf die tatsächlichen Machtverhältnissen zu werfen, kommt man also erst gar nicht. Was Stärke suggerieren soll, ist aber in Wahrheit Schwäche. Eine gefährliche Schwäche, die direkt in den Stillstand führt. Schlimmer noch: Die Töchter des Feminismus geben nach und nach jenes gewonnene Terrain preis, für das sie nicht einmal kämpfen mussten und dessen Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen. Nehmen wir die aufgeregte Diskussion über die Frauenquote, die den eigentlichen Skandal völlig ausblendete: nämlich dass Frauen in Führungspositionen nicht längst Normalität sind. Die Frage heißt nicht: Frauenquote ja oder nein. Sie heißt: Warum müssen wir überhaupt darüber diskutieren?

Weitere Themen

Die Rückkehr des Theaters Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Staffel 2 : Die Rückkehr des Theaters

Der Titel unserer F.A.Z. Video-Theaterserie war für die Bühnenhäuser des Landes in der Corona-Pandemie bitterstes Programm: „Spielplanänderung“. Bis zu unserem Dreh im Mai 2021 waren die Theater noch immer geschlossen. Welchen Stellenwert Theater in unserer Gesellschaft hat, wollen wir mit einer zweiten, finalen Staffel unserer Videoserie erkunden.

Topmeldungen

Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

EM-Debatte in München : Kampf um den Regenbogen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und der Stadtrat von München wollen zum EM-Spiel gegen Ungarn ein Zeichen setzen – gegen Viktor Orbán. Die UEFA steht vor einer heiklen Entscheidung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.