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„Glam Rap“ : Die Hure Avalon

Sieht so ein Rapper aus? Mickey Avalon stellt die Verhältnisse des Hip-Hop auf den Kopf Bild: AP

Mickey Avalon ist ein Bastard: Ikonographisch bewegt er sich irgendwo zwischen Alice Cooper, Mick Jagger und Iggy Pop, musikalisch zwischen Eminem und Adam Green. Er trägt Glitter. Und er rappt: Er hat den „Glam Rap“ erfunden.

          Es war nicht die herzlichste Begrüßung, die den Mann erwartete, an jenem Dezemberabend im vergangenen Jahr. Sein Flug hatte sich ordentlich verspätet, die Airline hatte sein Gepäck verloren, und dass dieser Winter um einiges milder ausgefallen war, als die, die man in Berlin gewohnt war: das war das Einzige, was man der Stadt als Willkommensgruß auslegen konnte. Als Mickey Avalon dann endlich in seinem Hotel angekommen war, wurde er auch schon zum Interview gebeten. Er hatte Hunger und ein verschwitztes T-Shirt an, er bestellte sich einen doppelten Wodka gegen den Durst und dann noch einen zum Festhalten, rauchte ein paar Zigaretten und antwortete freundlich und aufmerksam auf die merkwürdigen Fragen. Vor einer guten Stunde hatte er zum ersten Mal in seinem Leben deutschen Boden betreten. Jetzt saß er in einer Berliner Hotelbar und unterhielt sich mit einem Journalisten über den Holocaust.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nein, Mickey Avalon sieht nicht so aus, als wäre er der beste Gesprächspartner für die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Mickey Avalon sieht aus, als könnte man mit ihm einen empirisch gesättigten Plausch über die Wirkung moderner Amphetamine führen oder über die beliebteste Farbe der Slips am Sunset Strip. Avalon ist ein Bastard: Ikonographisch bewegt er sich irgendwo zwischen Alice Cooper, Mick Jagger und Iggy Pop, musikalisch zwischen Eminem und Adam Green, er trägt Glitter, und er rappt, weshalb die amerikanische Presse das Genre „Glam Rap“ für ihn erfunden hat, und obwohl Avalon mit solchen Kategorien nicht viel anfangen kann, kann er vorerst ganz gut damit leben: „Es ist ein Ein-Mann-Genre“, meint er, „es gilt nur für mich.“

          Sex ohne Sexismus

          Auf der Bühne präsentiert sich Avalon als verschwitztes Sexspielzeug, sein Oberkörper ist nackt, über der Hüfte trägt er ein Tattoo wie einen Gürtel, seine Jeans zieht er nach unten, bis sein Schamhaar sichtbar wird, manchmal ein Stück weiter. Während der Show kippt er seinen Kopf nach hinten, schüttet Wodka in sich hinein oder Tequila, bis er wieder aus seinem Mund hinausquillt wie aus einem Tischspringbrunnen. „It's Mickey Avalon“, rappt Mickey Avalon, „dick as a baton / the illest motherfucker from here to Vietnam.“

          Natürlich haben sie längst jeden Funken von Radikalität und Subversion eingebüßt, jene Posen der Anzüglichkeit und Obszönität, die den Kern seiner Inszenierung bilden, und es ist schon fast rührend, wenn sich sein deutscher Tourveranstalter bemüht, Avalons Potenzprotzereien als Skandal zu verkaufen. „My Dick“ heißt das erste Stück, das man findet, wenn man auf Youtube nach seinen Videos sucht, ein Song, der den Begriff „Schwanzvergleich“ so wörtlich nimmt, dass die eher parodistische Intention schnell offensichtlich wird: „My dick size of a pumpkin / Your dick look like Macaulay Culkin“. Selbst als ironische Geste jedoch würden sich Avalons Geschmacklosigkeiten am Rande der Lächerlichkeit bewegen, zumindest, wenn man als ihren Adressaten ein Bürgertum unterstellt, das sich durch sie noch erregen ließe. Nicht ganz so kalkulierbar allerdings sind die Erschütterungen, die Avalons Prostitutions-Performance dem Weltbild des Hip-Hop zufügt.

          So sehr man die Versatzstücke des Gangsta-Rap in seinen Songs erkennt, so wenig hält er sich an die vorgegebene Verteilung der Rollen. Sein Sex ist kein Sexismus, sein Wille zur Promiskuität kommt ohne Machismo aus, seine attitude ohne Homophobie. Im Gegenteil: Seine Vergangenheit als Strichjunge hat sich mittlerweile herumgesprochen und bildet einen wesentlichen Teil seines Images. Er selbst ist eine jener bitches, die seine Gangsta-Kollegen zum Inventar ihrer Rückbank zählen: „I used to work nights at Hot Cock dot com / But then I got fired when my mom logged on.“ Was ihm, zumindest wenn man den Geschichten seiner Auftritte in und um L. A. glaubt, bei den Frauen nicht schadet: Dort fliegen die BHs auf die Bühne, bevor irgendjemand „Schwuchtel“ sagen kann.

          Nie ohne Alkohol

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