https://www.faz.net/-gqz-7nd83

Gläserner Patient : Der Computer ersetzt den Arzt

Goldenes Kalb im digitalen Ökosystem: Supercomputer Watson Bild: AP

Der Supercomputer Watson stellt die Medizin auf den Kopf. Er sammelt Daten und spuckt Diagnosen aus. Das soll den Patienten nützen. Doch haben wir noch die Wahl, wie wir behandelt werden?

          Mein Arzt ist ein intelligenter BMW. Auf den Gedanken kann man leicht kommen, wenn man Manuela Müller-Gerndt zuhört. Die junge, eloquente Frau war in dieser Woche auf die Cebit gekommen, um dem, was sie eine „disruptive Technologie“ nennt, zum Durchbruch zu verhelfen. Jeder in Hannover und weit darüber hinaus hat den Namen ihres Prachtstücks schon gehört: Watson, der Supercomputer, der von IBM entwickelt wurde und die gewieftesten Rätselspieler und die kreativsten Köche mit seiner kognitiven Computerarbeit übertrumpft hat, soll zum goldenen Kalb in einem gewaltigen digitalen „Ökosystem“ werden: Gesundheit und Wellness sind die Megaspielplätze der Zukunft. In nur vier Jahren haben sich laut McKinsey mehr als zweihundert Unternehmen etabliert und sind dem Verband Bitkom zufolge bis heute mindestens 70 000 Handy-Apps entwickelt worden, die nichts anderes im Sinn haben, als Informationen aus unseren Körpern zu sammeln und alle möglichen Vitaldaten abzusaugen und zu interpretieren. Müller-Gerndt, die zurzeit die Klinik- und Forschungslandschaft in Deutschland bereist, um Watson als trainingsfleißigen Arztratgeber zu vermarkten („Watson vergisst nie etwas“), bringt die Philosophie der Branche auf einen Nenner: „Mehr Wahrhaftigkeit in diagnostischen Entscheidungen.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Künstlich-intelligente Datenkraken wie Watson heißen auf Computermessen wie der Cebit „Decision-Support-Systeme“. Die Entscheidung, ob, wie, wann und im Zweifel wer einen kranken Menschen therapiert, liegen bald nicht mehr allein in der Hand des Arztes. Die Fähigkeit, so schnell so viele Daten zu verarbeiten wie solche Parallelrechner, ist keinem menschlichen Gehirn gegeben. Pure Empirie ist Trumpf. In der Schulmedizin sowieso. Was also, fragte Balazs Szathmary von Oracle, sollte die Patienten davon abhalten, ihre digitale Chance auf ein körperliches Optimum zu nutzen? „Der Patient wird unser Treiber sein“, meint der Oracle-Vermarkter. Oder der Zwang zu ökonomischer Effizienz. Obama-Care, die amerikanische Neuregelung des Gesundheitssektors, hat den staatlichen Kliniken unter dem Label „Value-based Healthcare Delivery“ ein Ultimatum für die Etablierung elektronischer Systeme gesetzt. Bessere Gesundheit, weniger Behandlungen, mehr Vorsorge, frühere Diagnosen, weniger Komplikationen, kurz: mehr medizinische Qualität - die Motive dafür sind immer dieselben, und die Werkzeuge dafür werden angepasst. Echtzeitdaten aus dem Körper werden immer wertvoller. Jeden Tag werden allein im amerikanischen Gesundheitssektor mittlerweile fünfzehn Petabyte Daten verarbeitet. Das ist eine Eins mit fünfzehn Nullen oder etwa achtmal so viele Daten, wie von Google Earth insgesamt gemanagt werden. Und mit jedem Projekt, das die Datensammlung weiter vernetzt, wachsen die Datenpools exponentiell: Die „Konvergenz“ der Sensoren füttert nach den Vorstellungen ihrer Erfinder eine medizinische Informationsbörse: Das Auto sammelt bald Daten über Herz- und Atemfrequenz, die Uhr ermittelt Schrittfrequenz und Bewegungsmuster, im Bad werden Zucker- und Blutwerte, unter der Matratze wird das Schlafverhalten erfasst.

          Gefahr der toxischen Daten

          An den Rechnerkapazitäten werden Projekte wie Watson oder das „Medical Knowledge Cockpit“, das vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam entwickelt und auf der Cebit vorgestellt wurde, nicht scheitern. Fünf bis zehn Jahre, das ist so der Zeitraum, den die Protagonisten für die Realisierung ihrer Visionen auf der Cebit kommunizierten. Und damit auch keine Zweifel aufkommen, dass dieser Fortschritt unerwünscht oder angesichts der virulenten Cybersicherheitsdebatte gar riskant sein könnte, hat man sich mit Umfragen rückversichert. Accenture, ein weiterer Fahrgast auf dem kommerziellen Gesundheitsdaten-Karussell, hat einen Acht-Länder-Vergleich vorgelegt: Mehr als neuntausend Patienten, fast viertausend Ärzte und hundertsechzig Gesundheitsexperten wurden befragt. Ergebnis: Mindestens zwei Drittel der Ärzte versprechen sich Vorteile von der digitalen Revolution, allerdings mit ganz unterschiedlichen nationalen Quoten und „Reifegraden der Vernetzung“, wie es Sebastian Krolop bezeichnete: Spanien und Singapur sind Vorreiter, Deutschland und Frankreich die „Schlusslichter“. Warum das so ist, macht das Schicksal der Gesundheitskarte mit der elektronischen Patientenakte anschaulich: Seit sieben Jahren bewegt sich das Vorhaben auf der Stufe von kleinen Pilotprojekten. Nirgends, das zeigt die Accenture-Studie unmissverständlich, sei der Widerstand so groß wie in Deutschland - und zwar auf professioneller Seite: siebzig Prozent der Patienten, aber nur zwölf Prozent der Ärzte wollen Zugang zu elektronischen Patientenakten mit den entsprechenden Daten. Oder nehmen wir die „Silver Surfer“, also die über 65 Jahre alten, internetaffinen Senioren. Zwei Drittel im Land wollen der Umfrage zufolge „ihre Gesundheit durch Digitalisierung und E-Health-Lösungen verstärkt selbst managen“, ein Viertel zeichnet angeblich schon heute die eigene Gesundheitshistorie auf, ein Drittel dokumentiert bereits regelmäßig Gesundheitswerte wie Gewicht und Blutdruck im eigenen Computer. Mit anderen Worten: Bereit für die Revolution?

          Von wegen. Dem Wunschgedanken der Unternehmen „eine „Kultur des Einverständnisses“ zu schaffen und die „schleichende Durchdringung“ des Gesundheitsmarktes zu fördern, wie es der Telekom-Experte Timo Baumann auf der Cebit formulierte, steht ein Bollwerk von beachtlichen technologischen und regulatorischen Hürden gegenüber. „Kraut und Rüben“, so hat Sonja Zillner von Siemens die Erkenntnisse zusammengefasst, die sie in einer Auftragsstudie der Europäischen Kommission hinsichtlich der Datenstandards ermittelt hat. Mit anderen Worten: Gemessen wird, verstanden wird nichts. Mit bis zu siebzig Software-Applikationen wird so ein Krankenhaus heute betrieben, und jede Computeranwendung hat ihr eigenes Vokabular. Genominformationen, Laborwerte, Röntgenbilder, Verschreibungen - schon die medizinischen Basisdaten, soweit sie erfasst werden, lassen sich nicht ohne Weiteres zusammenführen und nach den annoncierten Effizienzkriterien sinnvoll nutzen. Kein Ökosystem, eher schon ein Flickenteppich von Systemen. Von Harmonisierung ist die Rede und von Datenverdichtung, von „toxischen Daten“ gar, die den Arzt eher verwirren, als eine Entscheidungshilfe sind. Trotzdem bleibt man dabei: „Galileos Programm muss weiterlaufen“, forderte Markus Löffler von der Universität Leipzig. Was messbar ist, muss gemessen und bezeichnet werden. Und was öffentlich gefördert wird, wie sein Leipziger „Health Atlas“, der durch die digitale Erfassung von Zehntausenden Patientenakten optimiert werden soll, müsse auch öffentlich verfügbar werden. Sollte es? Zumindest Metadaten, forderte Löffler in Hannover.

          Deutschunterricht für Watson

          Dass ein verlässlicher rechtlicher Rahmen für den Umgang mit Gesundheitsdaten, zumindest sofern diese im Medizinbetrieb erfasst werden, noch immer nicht besteht, wird für die Visionäre inzwischen durchaus zum Problem. Paragraph 203 des Strafgesetzbuches dämpft sichtlich ihre Euphorie einer grenzenlosen Vernetzung. Er behandelt die Schweigepflicht, hier vor allem die des Arztes. Und die ist, sofern es um die kommerzielle Ausschöpfung der wachsenden Datenpotentiale geht, „durchaus ein „Hemmnis für die entstehenden Geschäftsmodelle“, jedenfalls in den Augen des IT-Branchenverbandes Bitkom.

          Gefährdet also Big Data die Privatsphäre von Patienten und deren Datenschutz? Wer regelt den Zugriff, wenn die Kliniken den virtuellen Ratgeber Watson einschalten, der sein Terabyte an Wissen in einer gigantischen Cloud speichert? Müller-Gerndt, die wichtigste Anwältin für Doktor Watson im deutschsprachigen Raum, gibt sich konziliant: „Die Entscheidungshoheit über die Daten sollte beim Patienten bleiben.“ Sagt sie heute. Aber klar ist auch: Die Verlockungen nehmen zu. Versicherungen, der Staat, die Lifstyle-Industrie - an vielen Stellen jenseits des Medizinbetriebs wird heute ein Bedarf an persönlichen Daten signalisiert. Binnen zwei Jahren werden heute so viele soziale und medizinische Daten generiert, meinte der Verkäufer von Oracle, wie in der Zeit vom Beginn der Geschichtsschreibung bis zum Jahr 2003.

          Die Branche tut immer noch so, als gehe es um Volumen. Als würden sich Datenvolumina wie Wertpapiere vermarkten lassen. Watson, der Anfang des Jahres mit einer Milliarde Dollar von IBM ausgestattet und als eigenständiges Service-Unternehmen ausgegründet wurde, expandiert nach Europa. Dort sucht sich das Team um Müller-Gerndt die Kliniken und Forscher mit der größten Datenproduktivität. Weil Patientendaten nicht außer Landes geschafft werden dürfen, muss Watson in jedem Land neu dazulernen und medizinisch trainiert werden. Die Logik dahinter: Je detaillierter die Patientenmetrik, mit der solche digitalen Systeme gefüttert werden, desto exakter die Diagnose - und desto verlässlicher der medizinische Rat des Computerdoktors. Die Erfahrung zeigt aber: Jeder medizinische Rat und jede Behandlungsleitlinie sind nur so gut wie die Daten, die erfasst werden. Schlechte Studien generieren schlechte Daten. Mit anderen Worten: Allwissend sind Watson und Konsorten noch längst nicht. In den Vereinigten Staaten soll der Supercomputer schon Hunderttausende Arztbriefe geschrieben haben. In Deutschland käme er damit nicht weit. Bis jetzt verfasst er seine Ratschläge immer noch in Englisch, die deutsche Sprache wird ihm gerade erst beigebracht.

          Weitere Themen

          „Of Fahters and Sons“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Of Fahters and Sons“

          Der Dokumentarfilm „Of Fathers and Sons“ von Talal Derki feierte am 15. November 2017 beim International Documentary Festival Amsterdam seine Premiere.

          Topmeldungen

          Darf auch nach einem ungeregelten Brexit abheben: eine Maschine von Thomas Cook.

          Auch bei hartem Brexit : EU bannt Brexit-Risiken für Urlauberflüge

          Deutsche Touristen können aufatmen: Fluggesellschaften dürfen nach dem Willen der EU auch im Falle eines ungeregelten Brexits starten – zumindest für die folgenden sechs Monate. Ursprünglich hatte die Kommission deutlich striktere Regeln vorgeschlagen.
          Halt den Haller: Eintracht Frankfurt steht dank seines französischen Stürmers im Europa-League-Achtelfinale.

          4:1 gegen Donezk : Eintracht verlängert Europatour

          Erst souverän, dann zittrig, schließlich klar und deutlich: Frankfurt schlägt Donezk 4:1 und stürmt in die nächste Europapokalrunde. Hinten hilft die Torlatte, vorne treffen Jovic, Haller und Rebic.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.