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Gisèle van Waterschoot van der Gracht : Retterin des Geistes gegen den Ungeist

  • -Aktualisiert am

Eine Baumeisterin von Gegenwelten zwischen Griechenland und Amsterdam Bild: Jordi Huisman

Während der deutschen Besatzung gab sie jungen jüdischen „Untertauchern“ in Amsterdam eine Bleibe. Heute wird die Künstlerin und Mäzenin Gisèle van Waterschoot van der Gracht hundert Jahre alt.

          Sie hat Griechenland entdeckt. Als sie 1965 mit ihrem Mann Arnold d’Ailly, dem früheren Bürgermeister von Amsterdam, der ihretwegen sein Amt aufgegeben hatte, durch die Ägäis reiste auf der Suche nach einem Refugium, blieb sie am nördlichen Zipfel von Paros hängen, in der Bucht eines dieser von der Zeit vergessenen Fischerdörfer, vielleicht der schönsten von allen. Am Ende der Bucht liegt Agios Ioannis, damals ein verfallenes Kloster, das die Türken im siebzehnten Jahrhundert als Munitionsdepot genutzt hatten, bis es irgendwann in die Luft geflogen war. Gisèle baute die Anlage neu auf und sicherte sich beim örtlichen Popen Wohnrecht auf Lebenszeit.

          Wer das Glück hatte, in den sechziger und siebziger Jahren dort die Sommer zu verbringen, tauchte ein in eine Welt ästhetischer Perfektion, deren Ideal die Einfachheit war. Jedes Mosaik, das Gisèle in die weißgekalkten Wände und Böden einließ, die Fundstücke vom Strand, denen sie mit ein paar Griffen Leben einzuhauchen verstand, die surrealen Fragmente der ausgebleichten Tierskelette, die auf den Treppen und Simsen lagen, alles hatte in Farbe und Form konkrete Bedeutung und entsprang doch einer phantastischen Imagination, in der es von Kobolden, Luft- und Fabelwesen nur so wimmelte. Den „Faust II“ konnte Gisèle nicht oft genug hören, am liebsten zur Zauberstunde bei Sonnenuntergang auf der großen Terrasse. Manchmal kam der irische Dichter vorbei, hörte eine Weile zu und hielt dann dagegen, indem er mit seiner vom Whiskey tief und rauh gewordenen Stimme, die weit in die Bucht hinaus dröhnte, Shakespeare und Yeats deklamierte.

          Begegnung mit Wolfgang Frommel

          Als um 1980 der Massentourismus auf Paros die Herrschaft übernahm, witterte der Bürgermeister von Naoussa ein großes Geschäft. Das Gelände von Agios Ioannis gehöre gar nicht der Kirche, sondern dem Staat, behauptete er, deshalb müsse die Holländerin gehen. Noch bevor der Prozess vor dem Obersten Gerichtshof in Athen entschieden wurde, beschloss Gisèle, alles einzupacken bis auf die letzte Muschel; Konfrontationen war sie ihr Leben lang aus dem Weg gegangen. Um die gleiche Zeit konnte sie in Amsterdam das Nachbarhaus zu ihrem erwerben, und hier, in der ehemaligen Dachkantine eines Versicherungskonzerns, baute sie sich ihr kykladisches Gesamtkunstwerk noch einmal neu. Statt auf das glitzernde ägäische Meer schaute sie jetzt auf die großformatigen Bilder, die sie dort gemalt und auf denen sie das unbeschreibliche Licht für immer fixiert hatte. Gefragt, ob der erzwungene Abschied von der griechischen Insel ihr nicht schwergefallen sei, meinte sie, auch hier habe sie ja jetzt ihre Insel - und lebten nicht die meisten Künstler ohnehin auf einer Insel?

          1912 als Tochter eines holländischen Vaters und einer österreichischen Mutter, einer Urenkelin des Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, in Den Haag geboren, verlebte Gisèle van Waterschoot van der Gracht ihre Kindheit in den Vereinigten Staaten, wo ihr Vater als Geologe für Shell und andere Multis Ölquellen explorierte. Nach dem Kunststudium in Paris erlernte sie Mitte der dreißiger Jahre die Technik der Glasmalerei; die Fenster in der Kirche des Amsterdamer Beginenhofs zählen sicher zu ihren schönsten Arbeiten. Dann brach der Krieg aus, und im Sommer 1940 - die Deutschen hatten das Land gerade eben überfallen - kam es zu der große Teile ihres weiteren Lebens bestimmenden Begegnung mit dem nach Holland emigrierten deutschen Literaten Wolfgang Frommel.

          Künstlerische Seele

          Im Juli 1942 begann die Deportation der niederländischen Juden. Wer jetzt kein Versteck fand, hatte kaum Chancen, dem Netz der Deutschen noch zu entkommen. Gisèle bot Frommel ihre kleine Stadtwohnung in Amsterdam an, und am 8. Juli zog er mit seinem ersten jüdischen Freund in der dritten Etage der Herengracht 401 ein; weitere jüdische Jungen, später auch junge Holländer, die vor dem Arbeitsdienst in Deutschland zurückschreckten, folgten. Gelegentlich besuchte Gisèle ein paar Ecken weiter ihren Freund Max Beckmann, dem sie im Sommer 1947 zur Überfahrt nach New York verhalf. „Gisèle und ihre Untertaucher“ lautete der schöne Titel eines Buches, das 2008 zu ihren Ehren erschien. Zehn Jahre zuvor war sie in die Liste der Gerechten von Yad Vashem eingetragen worden.

          Nach dem Krieg konnte Gisèle das Haus an der Herengracht erwerben. Unten lagen die Büroräume des von Frommel 1951 gegründeten Verlags „Castrum Peregrini“, der in seinen Publikationen die Erinnerung an die Kriegsjahre wach hielt, Frommel selbst behielt den dritten Stock, noch immer wie ein Untertaucher lebend, und Gisèle richtete sich die oberen Etagen ein. Sie blieb großzügige Mäzenin, künstlerische Seele des Ganzen und ein Magnet für junge Männer, die nur eines mitbringen mussten, um sogleich von ihr in Beschlag genommen zu werden: Sinn für die Kunst, insbesondere ihre skurrilen Überbietungen, und jede Menge guter Laune.

          Am Dienstag, den 11. September, wird Gisèle hundert Jahre alt. Rüstig wie eine Gazelle wird sie sich durch die lange Reihe der Gratulanten schlängeln: dorthin, wo am lautesten gelacht wird, dorthin, wo die Jugend steht.

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