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Im Gespräch mit Gila Lustiger : Können wir uns gegen den Terror wehren?

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Ein schreckliches Deja-vu: Trauer am Place de la Bourse in Brüssel. Bild: AFP

Die in Paris lebende Schriftstellerin Gila Lustiger hat ein Buch über die Anschläge vom 13. November geschrieben: „Erschütterung“. Dann kam Brüssel. Ein Gespräch über den Terror, Molenbeek und Schuldzuweisungen.

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          Frau Lustiger, in Ihrem neuen Buch „Erschütterung. Über den Terror“ haben Sie über die Anschläge von Paris und die Stimmung in den Wochen danach geschrieben. Jetzt wurden die Menschen in Brüssel angegriffen. Wie haben Sie diesen Dienstag, den 22. März erlebt?

          Es ist ein trauriges Déjà-vu-Erlebnis. Ich habe mich natürlich wieder auf die Medien gestürzt und die gleichen Bilder der Verwüstung gesehen: Menschen, mit diesen leeren Blicken, die vom Tatort evakuiert werden, das Polizeiaufgebot, die Abriegelungen, das Militär, die über der Stadt kreisenden Hubschrauber, die Hilfskräfte, die zu retten versuchen, was zu retten ist, die leergefegten Straßen. Und auch das Danach gleicht sich: Menschen zünden wieder Kerzen an, legen Blumen nieder und singen „Imagine“, Politiker gedenken der Opfer mit einer Schweigeminute und rufen zum unerbittlichen Kampf gegen den Terrorismus auf, die Presse porträtiert die Täter und berichtet von der Jagd nach ihnen, und Tausende twitterten „IchbinBrüssel“, so wie sie nach den Anschlägen in Paris ihre Solidarität mit „JesuisCharlie“ und „JesuisParis“ bekundet haben.

          Sie sagen jetzt und Sie schreiben auch in Ihrem Buch, dass der 13. November Sie, wenn auch erschüttert, so doch nicht gewundert hat. Die Menschen in Brüssel sagen, sie hätten schon lange damit gerechnet, dass so etwas passiert. Wie kann es sein, dass man in demokratischen Gesellschaften wie unseren damit rechnet, dass Menschen beschließen, ihre Mitbürger durch koordinierte Anschläge zu ermorden?

          Sie bringen es genau auf den Punkt. Der sogenannte „Islamische Staat“ hat sich zwar zum Terroranschlag in Belgien bekannt, die Vollstrecker jedoch sind Europäer. Wir können sie Dschihadisten nennen, Terroristen, Islamisten . . . Tatsache bleibt, dass in Paris Franzosen Franzosen umgebracht haben. Und nun erfahren wir, dass die Brüder El Bakraoui, die sich am Flughafen Zaventem und an der U-Bahn-Station Maelbeek in die Luft sprengten, in Brüssel geboren wurden. Und das wundert uns nicht, weil wir schon lange wissen, dass in unserer Gesellschaft Menschen leben, die sich ausgegrenzt fühlen, die das Gefühl haben, nicht dazuzugehören und irgendwann auch nicht mehr dazugehören wollen, uns und unser System, unsere Art zu leben als dekadent ablehnen. Wir wussten, dass es eine Ethnisierung des sozialen Konfliktes gibt und dass einige – nicht wenige – Menschen im politischen Islam eine neue Identität und Heimat finden. All diese Dinge wussten wir, und zwar nicht erst seit 2015.

          Am Ende hilft wohl nur Bildung: Autorin Gila Lustiger.
          Am Ende hilft wohl nur Bildung: Autorin Gila Lustiger. : Bild: Ullstein

          In Ihrem Essay gehen Sie bis zu den Jugendkrawallen von 2005 zurück, damals brannten die Banlieues fast drei Wochen lang. Es war der Ausdruck eines entsetzlichen Hasses. Danach kam Mohamed Merah, der 2012 eine jüdische Schule angriff und mehrere Kinder und ihren Lehrer tötete. Im Jahr 2014 dann Mehdi Nemmouche, der im jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen erschoss. Haben wir diese Entwicklung übersehen? Haben wir sie ignoriert?

          Während der Jugendkrawalle, die in Clichy-sous-Bois bei Paris begonnen und sich dann flächendeckend in dreihundert Vororten und über das ganze Land ausgebreitet haben, steckten Jugendbanden 10.000 Autos in Brand. 230 Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Rathäuser, kurz: Symbole des Staates wurden zerstört. Damals wiesen Soziologen darauf hin, dass es in den Banlieues niemanden gab, mit dem der Staat über mögliche Lösungen hätte verhandeln können, und sie warnten davor, dass dieses Gefühl zu Barbarei führen wird. Heute sind wir an diesem Punkt.

          Heute sind wir an diesem Punkt. Trotzdem sagte der Parlamentsabgeordnete Alain Marsaud vergangene Woche, als Salah Abdeslam in Brüssel festgenommen wurde: „Wir verdanken die 130 Toten von Paris den Belgiern.“ Am Dienstagabend meinte Michel Sapin in einem Radiointerview, die Belgier seien naiv gewesen, es zuzulassen, dass sich solche quasi rechtsfreien, von religiösen Gemeinschaften beherrschten Zonen wie das Viertel Molenbeek herausbilden. Was muss man von diesen Schuldzuweisungen halten?

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