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Gil Yaron über Israels Lage : Isoliert und missverstanden

  • -Aktualisiert am

„Wenn Erdogan zum Moralapostel der Araber wird, steht es nicht nur um Israel schlecht”: Gil Yaron Bild: Christoph Busse

Noch nie schien dieses Land so verhasst, angreifbar und isoliert wie heute: Israel ist als Sündenbock nützlicher, als es als Friedenspartner sein kann - auch für Ägypten. Derweil driften Europa und Israel immer weiter auseinander.

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          Wer nachvollziehen will, wie es sich anfühlt, in Israel zu leben, sollte in Tel Aviv ein altes Radio einschalten und nach einem hebräischen Sender suchen. Es dauert lange, bevor man auf eine israelische Station stößt - eine kleine Insel inmitten eines Meeres statischen Rauschens, lieblich gesäuselter arabischer Songs und Talkshows in der Sprache des Korans.

          Nicht nur akustisch steht Israel auf einem isolierten Sonderposten: Noch nie schien dieses Land so verhasst, angreifbar und isoliert wie heute.

          Die Regierung beschwichtigt. „Israels Sicherheitslage war noch nie besser als heute“, sagte vor wenigen Tagen Amos Gilad, General a. D. und Direktor der Abteilung für Sicherheit und Diplomatie im israelischen Verteidigungsministerium. Schließlich gebe es „keine Terroranschläge, unsere Abschreckung funktioniert an der Nord- und Südgrenze, es gibt keine Koalition arabischer Armeen gegen uns“. Gilad gilt als einer der einflussreichsten Beamten mit Zugang zu geheimen Staatsdokumenten. Umso schlimmer. Alle Kriege, die ich bisher in Israel miterlebte, haben meinen Optimismus nicht so sehr getrübt wie seine Aussagen. Entweder begreife ich oder Israels Regierung die Welt nicht mehr.

          Die Massen fordern das Ende des Friedensvertrags

          Israels strategische Lage verursacht Beklemmung. Als der Staat vor 63 Jahren von Holocaust-Überlebenden und vertriebenen Juden aus arabischen Staaten gegründet wurde, stand er in vielerlei Hinsicht besser da als heute. Damals hatte er schlechte Karten - und spielte sie gut. Israel setzte mit der Supermacht Amerika auf das richtige Pferd. Bezüglich der Araber durfte man hoffen, dass territoriale Zugeständnisse den Konflikt eines Tages lösen würden. Im Nahen Osten wurden Persien und die Türkei als säkulare, nichtarabische Staaten zu natürlichen Bündnisgenossen. Im Westen stellte man Israels Existenzrecht nicht in Frage.

          Davon ist wenig geblieben. Washington hat seinen Einfluss in der Region verloren. Für die ehemalige Superschutzmacht gibt es keinen Ersatz. Kairo untergräbt gerade das Paradigma „territoriale Zugeständnisse für Frieden“. Ägypten erhielt den Sinai zurück - und hasst trotzdem weiter. Kritiker rügen, Israel habe nie Frieden geschlossen. Sie vergessen, dass Ägyptens Führer solch einen Frieden stets verhinderten. Als Medizinstudent schrieb ich viele Briefe an ägyptische Universitäten mit der Bitte um Austausch. Sie blieben unbeantwortet. Bei einem Besuch fragte mich zwar ein Schreibwarenhändler lange aus. Doch seine E-Mail-Adresse gab er mir nicht, aus Angst vor Ägyptens Geheimdienst.

          Als vor drei Wochen sechs ägyptische Grenzschützer im Kreuzfeuer israelischer Soldaten starben, verfolgten diese gerade Terroristen, die aus dem Sinai gekommen waren und acht Israelis auf dem Gewissen hatten. Mindestens drei Terroristen hatten die ägyptische Staatsbürgerschaft. Dennoch fand man in Kairo von Mitverantwortung oder Anteilnahme an dem Leid, das aus Ägypten über Israel hereingebrochen war, keine Spur. Stattdessen fordern die Massen das Ende des Friedensvertrags. Jetzt wird der Angriff auf Israels Botschaft zum Vorwand für die Wiedereinführung des Ausnahmerechts. Dabei hatten die Militärs die Attacke überhaupt erst zugelassen. Israel ist als Sündenbock nützlicher, als es als Friedenspartner sein kann, auch im postrevolutionären Ägypten.

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