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Gezi-Park : Flügel zu verleihen

Istanbul am 13.Juni 2013: Davide Martello spielt für die Demonstranten vom Gezi-Park Bild: dpa

Mit seinem elektrisch verstärkten Flügel spielte Davide Martello drei Tage lang Lieder auf dem Taksim-Platz. Hunderte Menschen scharten sich um ihn - der Pianist wurde zum Engel des Gezi-Parks.

          3 Min.

          Es passieren manchmal Dinge, die so schön und ungewöhnlich sind, dass es schwerfällt, sie zu begreifen. Ist die Stimmung emotional aufgeladen, weil die Zeichen eigentlich auf Untergang stehen, wird mitunter eine mythische Geschichte daraus. Sie macht das Erlebte noch größer und toller - nur so können viele Heiligengeschichten entstanden sein. Eine Geschichte, von der oft die Rede ist in diesen Tagen, ist jene des Pianisten vom Istanbuler Taksim-Platz, der mit seiner Musik die Demonstranten und Polizisten befriedet haben soll.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Davide Martello heißt der 31-jährige Deutsch-Italiener, der seit seiner Rückkehr aus der Türkei in vielen deutschen Städten aufgetreten ist, bei Markus Lanz gesessen hat, von RTL in Hamburg interviewt wurde und vom SWR in Stuttgart. Für alle, die nicht mitbekommen haben, was am Anfang dieser sommerlochtypischen, plötzlichen Präsenz eines bisher unbekannten Künstlers stand, sei es hier noch einmal erzählt: Am 12. Juni war Martello auf einmal mit seinem elektrisch verstärktem Flügel auf dem Taksim-Platz aufgetaucht, hatte dort drei Tage lang Songs wie „Imagine“ und „Let It Be“ gespielt, und das war so ergreifend, dass Hunderte sich um ihn scharten und manch einer vor Rührung in Tränen ausbrach.

          Mit Musik Hoffnung machen

          Die Leute fanden es toll, dass sich jemand extra nach Istanbul aufgemacht hatte, um ihnen mit Musik Hoffnung zu geben - Martello hatte im bulgarischen Sofia Bilder von den Ausschreitungen der türkischen Polizei gesehen, sich in sein Auto gesetzt und war mit seinem Klavieranhänger an den Bosporus gefahren. Dafür gebührt ihm größter Respekt, denn ein Flügel ist beileibe kein Instrument, mit dem man mal schnell vor einer Tränengasattacke flüchten kann. Die internationale Presse reagierte sofort. Allerdings so, als wäre sie, ähnlich wie der Pianist, hineingestolpert in diesen Protest und hätte deshalb auch nicht mitbekommen, wie die Lage auf dem Taksim-Platz vor der Ankunft des Pianisten war: Hundertschaften von Polizisten, angespannte Stimmung, das schon, seit zwei Tagen aber kein Einsatz von Tränengas.

          Sicherlich haben die Klänge von „Imagine“ auch die Herzen einiger Journalisten zum erweichen gebracht, offenbar aber auch noch etwas anderes. Denn die meisten Berichte, die in diesen Tagen entstanden sind, lesen sich tatsächlich so, als hätte die Polizei erst beim Erklingen des Flügels auf Tränengas verzichtet und vor Rührung ihre Schlagstöcke und Helme zu Boden sinken lassen. „Friedensengel“ wurde Martello von vielen deutschen Zeitungen genannt. Es gibt einen Beitrag von RTL, bei dem die Kamera Martellos glückliche Zuhörer filmt, die rund um den Flügel auf dem Boden sitzen, dann ältere - mindestens drei Tage ältere - Bilder des von Tränengas vernebelten Taksim-Platzes eingespielt werden und eine verträumte Stimme aus dem Off sagt: „Was ein paar Töne doch auslösen können.“

          Endlich ein bisschen Frieden

          Die Geschichte wurde immer größer und toller, so dass man den Pianisten am liebsten sofort in alle Krisenregionen dieser Welt verschicken würde, damit auch dort endlich ein bisschen Frieden herrscht. In Afghanistan, wo Martello durch Vermittlung eines Freundes am vergangenen Weihnachtsabend vor deutschen Soldaten spielte, hat die Sache leider nicht funktioniert. Jenen, die im Internet mit bissigen Kommentaren den Mythos vom Friedensengel anzweifeln, ist das auch schon aufgefallen.

          Hinzu kommt, dass Martello nicht der Einzige war, der auf dem Taksim-Platz Musik gemacht hat, es wäre unfair, das zu verschweigen: Die Demonstranten tanzten Tango, sangen türkische Volkslieder, berühmte türkische Sänger traten auf, sogar Musiker der Istanbuler Philharmonie gaben ein Konzert. Als der Gezi-Park gestürmt wurde, spielte Martello gerade nicht, er hatte sich an diesem Tag verspätet. In der Logik einiger Berichterstatter müsste man nun sagen: Deshalb griff die Polizei den Gezi-Park an. Doch realistisch betrachtet hätte auch ein ganzes Symphonieorchester die türkische Polizei nicht daran gehindert, wieder mit Tränengas gegen die Demonstranten vorzugehen.

          Aufmerksamkeit hat ihn überrollt

          Befehl ist Befehl. Der Mythos hat Davide Martello Aufmerksamkeit verschafft. Doch wer mit ihm spricht, in dieser Woche in Berlin, wo er gerade Station macht, weil sein Auto kaputtgegangen ist, der merkt sofort, dass er eigentlich nicht der Typ ist, der sich auf Kosten anderer in den Vordergrund spielen will. Die plötzliche Aufmerksamkeit hat ihn überrollt.  Vor zwei Jahren gab er seinen Job als Friseur auf, um sich den Traum zu verwirklichen, in allen Hauptstädten der Welt zu spielen - einige Dutzend hat er schon geschafft.

          Er sagt: „Es wäre toll, wenn meine Musik dazu beigetragen hat, dass in Istanbul einige Tage lang Frieden herrschte. Aber ob es so war, kann man letztendlich nicht beweisen.“ Ein Mensch sitzt da, der versucht eine Figur zu verkörpern, die aus ihm gemacht wird und ihm langsam über den Kopf wächst. Vielleicht könnte man Martellos Auftritt am Taksim-Platz ja einfach als das belassen, was er war: Eine großartige, mutige Aktion, für die ihn die Istanbuler lieben. Auch das steht im Internet. Die Leute hätten ihn gern in ihrer Stadt zurück. Doch jetzt sind erst mal Paris und London dran.

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