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Gewaltbereitschaft in Israel : Der Extremismus greift um sich

  • -Aktualisiert am

Ein Teufelskreis aus Mord und Rache: Verwandte trauern um den 18 Monate alten Ali Dawabsche. Bild: Getty

Blinder, archaischer Hass drängt einige Israelis zum Mord. Heute genügt es offenbar, Palästinenser zu sein, um in Israel angegriffen zu werden. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Der ermordete Säugling namens Ali Dawabsche lässt mir keine Ruhe. Die Vorstellung, dass die Hand eines Menschen zu nächtlicher Stunde ein Fenster aufreißt und einen Molotowcocktail in das Zimmer wirft, in dem Eltern und ihre Kinder schlafen, treibt mich um. Diese Bilder und Gedanken zerreißen einem das Herz. Wer ist der Mann, wer sind die Männer, die so etwas fertigbringen? Sie und ihre Kumpane wandeln auch am heutigen Morgen unter uns. Sieht man ihnen an, was sie getan haben? Was haben sie in sich ausgelöscht, bevor sie fähig waren, zur Auslöschung einer Familie zu schreiten?

          Benjamin Netanjahu und mit ihm einige Minister des rechten Flügels haben diesen Mord sofort vehement verurteilt. Netanjahu erschien zu einem Beileidsbesuch im Krankenhaus und brachte seine Erschütterung zum Ausdruck. Sein Auftreten war menschlich, authentisch, richtig und notwendig. Fragen aber muss man sich, wie es dem Ministerpräsidenten und seinen Ministern immer wieder gelingt, die Verbindung zwischen dem Feuer, das sie bereits seit zwanzig Jahren schüren, und diesem neuen Brandanschlag völlig zu ignorieren. Wieso entgeht ihnen der Zusammenhang zwischen der nun schon achtundvierzigjährigen Besatzung und der düsteren, fanatischen Realität in den Grenzregionen des israelischen Bewusstseins, die täglich um sich greift? Diese Realität streckt ihre Fühler zurzeit auch zum politischen Zentrum aus und gewinnt in der israelischen Bevölkerung, in der Knesset und im Kabinett an Legitimität und Akzeptanz.

          Die Auslöschung der verhassten Menschen

          In unbeirrter Verneinung der Wirklichkeit verschließen der Ministerpräsident und seine Anhänger die Augen vor der irrigen Auffassung, die sich im Bewusstsein der Besetzer im Verlauf von fast fünfzig Jahren unaufhaltsam eingenistet hat: dass es zwei Arten von Menschen gibt. Die eine Art ist der anderen unterworfen und scheint deswegen von Natur aus weniger wert zu sein. Der Unterworfene ist, wie soll ich sagen, ein geringerer Mensch als der Besetzer. Diese Anschauung ermöglicht es Personen mit einer bestimmten seelischen Konstruktion offenbar, dem anderen, auch wenn er nur anderthalb Jahre alt ist, mit erschreckender Leichtigkeit das Leben zu nehmen.

          Westjordanland : Kleinkind stirbt durch Brandanschlag

          In diesem Sinne stehen die beiden Gewalttaten vom Wochenende, die Messerstecherei bei der Jerusalemer Love Parade und der Brandanschlag auf ein Baby, miteinander in Verbindung, denn sie entspringen einer ähnlichen Geisteshaltung. In beiden Fällen drängt der blinde, archaische Hass zum Mord, zur Auslöschung der verhassten Menschen.

          Der Mann, der das Haus der Familie Dawabsche in Brand setzte, wusste nichts von seinen Bewohnern, nichts von ihren Wünschen und Sehnsüchten. Er wusste nur, dass sie Palästinenser waren, und das genügte ihm und seinen Befehlshabern. Das heißt, ihr bloßes Dasein war Grund genug, sie vom Erdboden tilgen zu wollen.

          Dieser palästinensische Junge überlebte, als das Haus seiner Familie letztes Jahr zerstört wurde.
          Dieser palästinensische Junge überlebte, als das Haus seiner Familie letztes Jahr zerstört wurde. : Bild: Reuters

          Ein Kompromiss mit diesen Kräften ist nicht möglich

          Schon seit mehr als hundert Jahren drehen Palästinenser und Israelis sich im Teufelskreis von Mord und Rache. In ihrem Kampf gegen uns haben die Palästinenser Hunderte von israelischen Kindern ermordet, ganze Familien getötet und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Auch der Staat Israel hat in seinem Kampf gegen die Palästinenser mit Hilfe von Flugzeugen, Panzern und Scharfschützen Ähnliches getan. Was vor einem Jahr während der Militäroperation „Zuk Eitan“ („Fels in der Brandung“) im Gazastreifen geschah, ist uns noch in frischer Erinnerung. Doch der Prozess mit seinen bösartigen Auswüchsen und Verästelungen, der sich innerhalb des israelischen Staates vollzieht, ist auf andere, trügerische Weise zerstörerisch.

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