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Gewalt in China : Menschen explodieren

  • -Aktualisiert am

Feuerte die chinesische Gewaltdebatte an: der Anschlag von Taiyuan Bild: AFP

Die selbstgebastelten Bomben vor einer Parteizentrale in Taiyuan werden in China heftig diskutiert. Viele Mikroblogger sind sich einig: „Menschen explodieren“, wenn der Druck und die Ausweglosigkeit zu groß würden.

          Der Anschlag vor dem Mao-Porträt am Platz des Himmlischen Friedens von vergangener Woche und die Bomben, die diesen Mittwoch vor der Parteizentrale der Provinzhauptstadt Taiyuan hochgingen und mindestens einen Menschen töteten, erscheinen in der an Staatssymbolen interessierten Nachrichtenlogik westlicher Websites beide als Teil derselben Langzeiterzählung „Das alte Regime und die Revolution“. Die chinesische Öffentlichkeit diskutierte die beiden Ereignisse dagegen jeweils völlig unterschiedlich.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Pekinger Attentat war durch die frühzeitig bekanntgewordene Nachricht, dass die Polizei nach Männern aus der muslimischen Provinz Xinjiang sucht, von Anfang an auf der Ebene einer Bedrohung von außen angesiedelt, eines opaken Terrorismus also, über dessen mögliche Motive man nicht weiter nachdenken muss; noch am Tag des Anschlags sank in vielen muslimischen Restaurants in Peking die Zahl der han-chinesischen Besucher auf null. Die selbstgebastelten Bomben von Taiyuan dagegen, zu denen sich inzwischen ein in der Nacht zu diesem Freitag verhafteter ehemaliger Sträfling bekannt haben soll, wurden auf den Mikroblogger-Websites augenblicklich im Rahmen der Gewalt-Debatte erörtert, die seit Jahren mit wechselnden Anlässen in China tobt.

          Wohlwollen für Attentäter und Mörder

          Nichts charakterisiert diese ebenso erregte wie unheimliche Debatte markanter als die von vielen Teilnehmern ausgesprochene Beteuerung, Gewalt gegen Unschuldige sei natürlich zu verurteilen, bei Gewalt gegen Funktionäre, zumal korrupte, sehe die Sache aber anders aus. So genügte allein der Umstand, dass der aktuelle Anschlag vor einem Gebäude der Partei stattfand, um ihm bei einem Teil der Mikroblogger eine gewisse Sympathie zu verschaffen – noch bevor über den Hintergrund irgend etwas bekannt war.

          Manche spekulierten, die Proteste entlassener Minenarbeiter von vergangener Woche hätten damit zu tun oder der neue Bürgermeister Geng Yanbo, der für seine Vertreibungsaktionen einflussloser Wohnungsbesitzer zugunsten lukrativer Immobilienprojekte berüchtigt ist. Doch einig sind sich viele in der drastischen Einschätzung: „Menschen explodieren“, wenn der Druck und die Ausweglosigkeit zu groß würden.

          Kein Einzelfall

          Das ist das jüngste Beispiel einer langen Reihe von Mördern und Attentätern, die die öffentliche Debatte Chinas in den letzten Jahren mit auffallend viel Wohlwollen bedachte. Keiner von ihnen war ein Vorkämpfer für mehr Demokratie, weshalb sie in der westlichen Öffentlichkeit eine ungleich geringere Aufmerksamkeit erhielten. Doch ihre Verzweiflung in der Konfrontation mit Ämtern und Behörden macht sie für China zu einem ins Extrem gesteigerten Ausdruck einer allgemeinen Erfahrung. Den Anfang dieser unwahrscheinlichen Heldenreihe machte 2008 der Arbeitslose Yang Jia, der von Polizisten verprügelt worden war und nach ergebnislosen Beschwerden dagegen in Schanghai sechs Beamte erstach; Ai Weiwei hatte damals in dieser Debatte einen international völlig unbeachteten Film über ihn produziert.

          2011 zündete dann der Bauer Qian Mingqi Bomben in Regierungsgebäuden in Jiangxi, durch die er selbst und zwei weitere Menschen starben, nachdem er zehn Jahre lang erfolglos gegen seine Enteignung Petitionen eingereicht hatte. In diesem Jahr wurde der elegante, von Norman Forster entworfene Pekinger Flughafen durch eine Detonation erschüttert, die der ehemalige Motorradtaxifahrer Ji Zhongxing ausgelöst hatte; Polizisten hatten ihn 2005 zum Krüppel geschlagen, ohne dass sie später zur Rechenschaft dafür gezogen wurden. Und kürzlich erst wurde der Straßenhändler Xia Junfeng hingerichtet, der zwei ihn brutal bedrängende Hilfspolizisten getötet hatte.

          Jeder könnte zum Täter werden

          All diese Fälle wurden zu nationalen Themen, an deren Beispiel zahllose Blogger Dampf ablassen über eigene Ohnmachtserfahrungen mit der Funktionärswillkür. Verblüffend ist, dass die Zensur, die sonst bei viel geringfügigeren Themen eingreift, die Diskussion weitgehend toleriert. Die Attentäter erscheinen freilich auch nicht als Vorbilder einer kollektiven Rebellion, sondern eher als radikal vereinzelte tragische Helden. Das Thema ist derart in die Mainstream-Kultur eingegangen, dass an diesem Samstag „A Touch of Sin“, der jüngste Spielfilm von Jia Zhangke, der einige der Gewaltakte der letzten Jahre mit beträchtlicher Einfühlung verarbeitet, in die chinesischen Kinos kommen soll.

          Sogar den Staatsdiskurs selbst hat das Thema der Gewalt gegen Staatsbedienstete erreicht. Der Politikwissenschaftler Yu Jianrong von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften macht für die „zunehmende Bösartigkeit in der Gesellschaft“ weniger die ungleiche Einkommensverteilung verantwortlich als das schleichende Ungültigwerden von Regeln und Gesetzen – durch selbstherrlich agierende Funktionäre, wie er nicht hinzuzufügen braucht. Und der Richter Shu Rui fordert in einem amtlichen Blatt, die Gesellschaft solle sich im Interesse ihrer Sicherheit mit Ungerechtigkeiten befassen; jeder Einzelne könne zu einer Zeitbombe werden.

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